Sonntag, 19. März 2017

Rezension: Jan Schomburg - Das Licht und die Geräusche

Preis Ebook: 15,99 €
Preis Hardcover: 20,00 €
Seitenanzahl: 256 Seiten


Verlag: dtv
ISBN: 978-3423281089
Erscheinungsdatum: 10. März 2017 

Klappentext Es ist Johanna schleierhaft, warum sie und Boris kein Paar sind. Klar, eigentlich ist Boris mit Ana-Clara zusammen, aber die ist weit weg in Portugal, während Johanna und Boris jede freie Minute miteinander verbringen und über alles reden, außer darüber, warum sie sich noch nicht geküsst haben. Johanna versteht das nicht, und das nervt sie. Und sie will auch verstehen, warum Marcel sich auf der Klassenfahrt nach Barcelona einen Mitschüler wie einen Knecht hält, warum Boris die ganze Zeit kichern muss, während ihn vier Typen auf der Tanzfläche eines Clubs zusammenschlagen wollen, und warum er nach dieser Nacht am See plötzlich verschwunden ist. Gemeinsam mit Ana-Clara und Boris’ Eltern sucht Johanna in Island nach Boris und findet heraus, dass viele Dinge ihr Wesen verändern, je länger man sie betrachtet. Und dass Ana-Claras Augen doch nicht so ausdruckslos sind, wie sie immer gedacht hat.

Man folgt Johanna und ihrer unverstellt ehrlichen Sicht auf sich und ihre Umwelt voller Empathie und Zuneigung. Pointiert, mit zartem Witz und dem sicheren Gespür für die Leichtigkeit in schweren Themen erzählt Jan Schomburg von drei jungen Menschen und ihren Versuchen zu erkennen, wie das eigentlich überhaupt gehen soll: leben.

Dieses Buch ist "anders". Das wird dem Leser schon nach wenigen Seiten klar. Anders in seinem Aufbau, seiner Erzählweise und dem Handlungsablauf. Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen, anders ist es auch kaum möglich.

Der Leser verfolgt einige wichtige Momente in Johannas jungem Leben. Dabei folgt Jan Schomburg keinem strikten roten Faden. Er erzählt einfach und dadurch wirkt die Handlung erfrischend unkonstruiert. Es geht darum an Johannas Problemen, Zweifeln und Erfahrungen teilzuhaben. Es geht um die Erinnerung daran, wie man selbst in diesem Alter war.

Der Schreibstil in "Das Licht und die Geräusche" kennzeichnet sich durch eine klare, direkte Sprache. Ein Stil, den eine junge Frau in Johannas Alter anwenden würde. Hierdurch wurde mir die Geschichte zugänglicher, auch wenn ich einige Seiten benötigte, um mich an den knappen Stil zu gewöhnen.

Die bereits erwähnten "wichtigen Momente" in Johannas Leben umfassen alles, was einen im Alter von 16/17 Jahren beschäftigt. Die Festigung des eigenen Charakters und der eigenen "Rolle", Liebe, Freundschaft, Sexualität. Aber auch die typischen Gefühlsschwankungen, der Hang zur Dramatik werden genauer thematisiert. Dies gelingt dem Autor so authentisch, dass ich mich selbst in dieses Alter zurückversetzt fühlte.

Als das Thema "Klassenfahrt" angeschnitten wurde, traute ich meinen Augen kaum. Der Lehrer will mit einer Horde Jugendlicher nach Hallig Hooge fahren. Ein Idee, die auch mein Lehrer vor etwa zwölf Jahren hatte. Johannas Klasse kam nochmal davon, meine Klasse nicht und es war unser absoluter Albtraum. Heute hinterlässt der Gedanke an eine ruhige Hallig ganz andere Gefühle bei mir. Ein weiteres Merkmal, wie viel sich in den paar Jahren verändert.

Keiner der Charaktere in diesem Buch ist perfekt. Alle haben ihre Fehler und keiner ist zu 100% sympathisch. Vor allem deshalb, weil Jan Schomburg besonders viel Wert auf Authentizität legte (und wer konnte sich selbst in diesem Alter besonders gut leiden?). Beim Lesen bekommt man den Spiegel vorgehalten, der zumindest in gewissen Punkten einen selbst in jüngerer Form zeigt, liest nochmal, was Schüler sich gegenseitig angetan haben oder wo man selbst überreagiert hat, wird aber auch an jede Menge Schönes erinnert.

Fazit: Ein Buch, das den Leser daran erinnert wie es war 16/17 zu sein und eine Geschichte, die ihre Wirkung auch nach der Beendigung des Buches noch weiter entfaltet.
 

Freitag, 3. März 2017

Leseliste: März 2017

Hallo zusammen,

auch wenn ich mich dieses Mal wirklich schwer entscheiden konnte...die Leseliste für den März steht!

Bereits begonnen habe ich mit Wie Monde so silbern von Marissa Meyer. Bisher gefällt mir die Geschichte wirklich sehr gut und ich befinde mich bei etwa der Hälfte. Auch mit Das Krokodil von Fjodor Dostojewski, Die Annäherung von Anna Mitgutsch, Dark Places von Gillian Flynn und Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara habe ich bereits angefangen. Bei diesen Büchern befinde ich mich noch ganz am Anfang.

Als Hörbuch möchte ich in diesem Monat unbedingt Die Ehefrau von Meg Wolitzer hören. Auch die Siebenbürgen Geschichte möchte ich mit dem zweiten Band Verschwundene Schätze von Miklos Banffy endlich fortsetzen. Ich freue mich schon riesig darauf! Auch auf Frauen, die lieben von Emma Straub bin ich schon sehr gespannt. Und dann darf ich mich noch auf Das Licht und die Geräusche von Jan Schomburg freuen. Na, wenn das mal kein toller Lesemonat wird!

Zu guter letzt habe ich noch ein Jugendbuch, das ich im Februar leider nicht mehr geschafft habe. Mit Was die Spiegel wissen von Maggie Stiefvater soll es auch mit dieser Reihe im März voran gehen!
Was möchtet ihr in diesem Monat lesen?

Donnerstag, 2. März 2017

[Monatsrückblick] Februar 2017

Hallo zusammen,

der Februar ist vorüber und somit gibt es heute meinen Monatsrückblick :)

Bücher
Das Hörbuch Die Gerechte von Peter Swanson hat mir unglaublich gut gefallen. Ein spannender Thriller mit überraschenden Plottwists und interessanten Charakteren. Meine Rezension könnt ihr hier lesen. Auch Beziehungsweise: Liebesvariationen von Manuela Reichart hat mir gut gefallen. Eine Momentaufnahme von unterschiedlichen Paaren und ihren Beziehungen. Auch hier gibt es eine Rezension. Besonders lange beschäftigt hat mich im Februar der Wälzer 4321 von Paul Auster. Ein Buch, das zwar ein paar wenige Länge hat, mich aber besonders wegen des grandiosen Schreibstils und der Idee dahinter begeistern konnte. Danach musste es erst einmal etwas kürzeres sein, weswegen ich zu Der Dieb von Fuminori Nakamura griff. Eine wirklich tolle Geschichte eines sympathischen Diebes und seines abgrundtief bösen Gegenspielers. Hier gehts zur Rezi. Und zu guter letzt las ich noch Weiß von Markus Günther. Meine Rezension folgt in den nächsten Tagen.





Meine Monatsstatistik Februar
Anzahl gelesener Bücher: 5
Abgebrochen: 0
Anzahl gelesener Seiten: 2.268
Gelesene Seiten pro Tag (durchschnittlich): ~81 Seiten

Filme
Nachdem ich vergangenen Monat Der große Gatsby gelesen hatte, musste ich unbedingt die Verfilmung mit Leonardo DiCaprio sehen. Der Film ist sehr nah am Buch und hat mir nicht zuletzt wegen der tollen schauspielerischen Leistung der verschiedenen Charaktere sehr gut gefallen.


Auch Die Verurteilten ist eine Buchverfilmung (Stephen King), allerdings kannte ich hier das Buch nicht dazu. Der Film war sehr emotional. Die meiste Zeit bedrückend, oft aber auch witzig oder zum Weinen schön.


Serien
In den letzten Monaten habe ich viele Serien begonnen und wieder abgebrochen. Mit The OA startete ich mal wieder einen Versuch. Auch wenn mich die Serie nicht zu 100% überzeugen konnte, hat mir die erste Staffel einige spannende Stunden beschert. Insbesondere die finale Folge hat mir sehr gut gefallen. Ich freue mich auf Staffel 2.


Und was habt ihr im Februar gelesen / gesehen?

Sonntag, 26. Februar 2017

Rezension: Fuminori Nakamura - Der Dieb

OT: Suri
Übersetzung: Thomas Eggenberg
Preis Ebook: 18,99 €
Preis Hardcover: 22,00€
Seitenanzahl: 224 Seiten

Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3257069457
Erscheinungsdatum: 23. September 2015
Genre: Thriller
Reihe: Einzelband

Klappentext Er betreibt sein Metier in den belebten Straßen Tokios und den überfüllten Wagen der U-Bahn. Er stiehlt mit kunstvollen, fließenden Bewegungen. Der Diebstahl ist der Kick in seinem Leben, das Gefühl, seinem Schicksal zu entrinnen – für den Moment. Doch seine dunkle Vergangenheit holt ihn wieder ein. Ein grandioser Thriller und eine dunkle, abgründige Geschichte über Schicksal und Einsamkeit.

Bisher habe ich erst wenige Bücher aus Japan gelesen. In den Genuss einer Thomas Eggenberg Übersetzung kam ich bereits, was mein Interesse an "Der Dieb" entfachte. Meine Erwartungen wurden erfüllt, denn auf diesen gut 200 Seiten findet sich einfach alles. Liebe und Sehnsucht, Verzweiflung und Hoffnung, ein abscheulicher Bösewicht, ein sympathischer Dieb, der einem kleinen Jungen hilft und alles dafür tut, dass dieser dem prügelnden Liebhaber seiner Mutter entkommt.

Der Protagonist bleibt während der gesamten Geschichte namenlos, was mir während des Lesens nicht einmal auffiel. Als geübter Dieb stiehlt er Portmonnaies aus Hosentaschen, Schultertaschen, Mantelinnentaschen, Hemdtaschen. Kein Diebstahl ist ihm zu schwierig. Er stiehlt so viel wie er zum Leben braucht, teilt mit anderen und gibt das Portmonnaie selbst immer zurück. Er hat seine Prinzipien. Eines Tages macht er Bekanntschaft mit einem Jungen, den er beim Stehlen im Supermarkt erwischt. Wenn auch zunächst widerwillig entsteht zwischen den beiden eine besondere Freundschaft. Der Dieb versucht den Jungen zu unterstützen, gibt ihm Geld und redet ihm das Stehlen aus.

Nachdem der Dieb glaubte, der mächtige Kizaki, mit welchem er zu einem früheren Zeitpunkt bereits in Berührung kam, hätte sein Interesse an ihm verloren, taucht eben dieser wieder auf der Bildfläche auf und erpresst unseren Dieb. Dieser soll drei besonders knifflige Diebstähle für Kizaki erledigen. Gelingt ihm dies nicht, stirbt er. Weigert er sich, sterben er, der Junge und seine Mutter.

Die Sprache ist knapp, leicht verständlich und dennoch kunstvoll. Denn bei Nakamura sitzt wirklich jedes Wort. Der Schreibstil ist sehr bildhaft und zieht den Leser direkt ins Geschehen. Gerne las ich, wie der Dieb Menschen bestahl. Ich spürte seine Konzentration, den Adrenalinkick und die Befriedigung, als die Tat unbemerkt blieb und gelang. Die Stimmung verändert sich während des gesamten Buches sehr stark. Kommt die Geschichte zunächst leicht und beinahe fröhlich daher, wird die Situation im Laufe des Buches immer auswegloser. Ich begann mit dem Protagonisten zu verzweifeln und trotzdem weiter zu hoffen.

Die Charaktere mögen zunächst wie Stereotypen erscheinen und doch habe ich schon lange keinen so abgrundtief widerwärtigen Bösewicht in einem Buch erfahren.

"Angesichts einer Frau zu lachen, die sich in Schmerzen windet, ist einfallslos. Wenn du eine leidende Frau siehst, dann fühle mit ihr, hab Erbarmen mit ihr, stell dir ihre Qualen vor und ihre Eltern, die sie aufgezogen haben, weine Tränen der Trauer - und peinige sie noch mehr!" (S. 145)

Der Protagonist, ein Dieb, aber dennoch "ein Guter", erhielt schnell meine Sympathie, ebenso wie dessen Freund Ishikawa oder der kleine Junge.

Spannung kommt in diesem Buch schon sehr früh auf und lässt bis zum Ende nicht nach. Dem Leser bleibt also gar nichts anderes übrig, als das Buch in einem Rutsch zu lesen. Das Ende selbst ist außergewöhnlich und gefiel mit vor allem deshalb enorm gut.

Fazit: Ein Buch, mit einer ganz besonderen Atmosphäre, die mich von Anfang bis Ende fesseln und begeistern konnte. 

Samstag, 25. Februar 2017

Rezension: Manuela Reichart - Beziehungsweise: Liebesvariationen


Preis Ebook: 12,99 €
Preis Hardcover: 18,00 €
Seitenanzahl: 176 Seiten
 
Verlag: Dörlemann

ISBN: 978-3038200390
Erscheinungsdatum: 23. Januar 2017
Genre: Kurzgeschichten / Erzählband
Reihe: Einzelband

Klappentext Der Anfang ist immer schön. Und dann? War es so oder nicht doch ganz anders? Das Spiel der Erinnerungen beginnt. Manuela Reichart erzählt von allen Facetten der Liebe: Von Annemarie, die nach ihrer Scheidung in Paris als Sarah ein neues Leben beginnt, zuerst mit einem Mann, dann mit einer Frau. Von der Frau, die den falschen Mann im richtigen Leben wählt. Oder ist es der richtige Mann im falschen Leben? Und der Mann, der sich im Wiener Naturkundemuseum Hals über Kopf neu verliebt, kehrt am Ende zur alten Liebe zurück. Die mag zwar keine ausgestopften Tiere, hat aber geduldig auf ihn gewartet. Die richtige Liebe? Die gibt es im Kino und manchmal auch in Wirklichkeit.

Alles in diesem kleinen Erzählband von Manuela Reichart dreht sich um das große Thema Beziehungen und Liebe. Wie gehen die Menschen damit um? Haben Sie den Mut auch einen Rückzieher zu machen, wenn es nicht der richtige Mann / die richtige Frau ist? Wie erinnern sich Paare an das Kennenlernen. "Beziehungsweise" zeigt unterschiedlicher Beziehungen und stellt dabei immer wieder die Frage "Gibt es die einzig wahre Liebe?"

So ähnlich die Kurzgeschichten auch inhaltlich sind, so sehr unterscheiden sie sich in Aufbau und Stil. In der ersten Geschichte geht es um Annemarie, die den Mut nicht verliert und auch vor großen Schritten nicht zurückweicht. Diese Geschichte hat mir besonders gut gefallen. Doch es gibt auch Geschichten wie Momentaufnahmen. Geschichten, die nur durch Dialoge unterschiedlicher Paare erzählt werden.

Der Ton ist immer ein anderer. Manchmal erlebt man Paare, bei denen man sich fragt wieso sie überhaupt noch zusammen sind. Sind sie überhaupt noch zusammen? Einige Geschichten sind beinahe grausam desillusionierend, andere wunderschön, da man merkt, dass die Person bei dem Partner angekommen ist, zu dem er / sie gehört.

Meine Lieblingsgeschichte war die einer Frau. Sie steht vor dem Spiegel und kann sich nicht entscheiden, was sie tragen soll. Auf einer Geburtstagsfeier wird sie nach zwei Jahrzehnten den Mann wieder treffen, den sie einmal geliebt hat. Damals hat sie sich für ihren heutigen Ehemann entschieden. Wie wird das Wiedersehen ablaufen? Hat sie die richtige Wahl getroffen? Eine weitere Beziehungsgeschichte handelt von einem Mann, der seine Frau für eine andere verlässt, die er erst wenige Tage kennt. Auch hier stellt sich die Frage: "War es die richtige Entscheidung? Und gibt es eigentlich einen Weg zurück?"

"Wir mussten uns aneinander gewöhnen. Leidenschaft kann jeder. Liebe beherrschen nur wenige. Dauerhafte Liebe. Wir waren einander doch fremd. Jeder Liebende ist dem anderen ein Fremder. Wir verlieben uns in einen Fremden. Wir lieben einen Vertrauten." (S. 94)

Fazit: Ein Buch, dass sich sehr authentisch mit unterschiedlichen Beziehungen, unterschiedlichen Menschen auseinandersetzt und das man gut in einem Zug durchlesen sowie immer wieder zur Hand nehmen kann.
 

Sonntag, 19. Februar 2017

Rezension: Elena Ferrante - Die Geschichte eines neuen Namens

OT: Storia del nuovo cognome
Übersetzung: Karin Krieger
Preis Ebook: 21,99 €
Preis Hardcover: 25,00 €
Seitenanzahl: 624 Seiten
 
Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3518425749
Erscheinungsdatum: 10. Januar 2017
Genre: Roman
Reihe: Band 2/4

Klappentext Lila und Elena sind sechzehn Jahre alt, und sie sind verzweifelt. Lila hat noch am Tage ihrer Hochzeit erfahren, dass ihr Mann sie hintergeht – er macht Geschäfte mit den allseits verhassten Solara-Brüdern, den lokalen Camorristi. Für Lila, arm geboren und durch die Ehe schlagartig zu Geld und Ansehen gekommen, brechen leidvolle Zeiten an. Elena hingegen verliebt sich Hals über Kopf in einen jungen Studenten, doch der scheint nur mit ihren Gefühlen zu spielen. Sie ist eine regelrechte Vorzeigeschülerin geworden, muss aber feststellen, dass das, was sie sich mühsam erarbeitet hat, in ihrer neapolitanischen Welt kaum etwas gilt. 

Trotz all dieser Widrigkeiten beharren Lila und Elena immer weiter darauf, ihr Leben selbst zu bestimmen, auch wenn der Preis, den sie dafür zahlen müssen, bisweilen brutal ist. Woran die beiden jungen Frauen sich festhalten, ist ihre Freundschaft. Aber können sie einander wirklich vertrauen? 

"Meine geniale Freundin" war vergangenes Jahr eins meiner Highlights. Umso mehr freute ich mich auf den Folgeband und darüber, dass dieser mit seinen 624 Seiten rund 200 Seiten mehr von Lila und Lenu beinhaltete. Die erste Seite des Buches beginnt da, wo das vorherige Buch endete. Lila ist nun verheiratet. Was sich in Band 1 bereits andeutete, wird gleich zu Beginn in "Die Geschichte eines neuen Namens" zur bitteren Gewissheit. Die Hochzeit mit Stefano war ein großer Fehler. Er unterdrückt seine Frau, schlägt sie. Lila fordert dies mit ihrem Sturkopf zusätzlich heraus, ist todunglücklich. Durch ihre Hochzeit erlangte Lila Ansehen und Reichtum und teilt diesen gerne mit Lenu oder ihren anderen Freunden. Doch ihre Traurigkeit ist zu jeder Zeit spürbar.

"Wir waren mit der Vorstellung aufgewachsen, dass ein Fremder uns keinesfalls anrühren durfte, dass aber unser Vater, unser Verlobter, unser Ehemann uns ohrfeigen durfte, wann immer er wollte, aus Liebe, um uns zu erziehen und uns zu bessern." (S.64)

Nachdem mich schon der erste Band der Neapolitanischen Saga sehr berührte, empfand ich diesen zweiten Band als noch emotionaler. Er traf mich bis ins Mark, ich fühlte mit Lila, Lenu aber auch den unzähligen anderen Frauen des Rione. Die Gewalt, die Verzweiflung ist in diesem Band allgegenwärtig und auffälliger als im ersten Band. Die Angst vor Schlägen, sogar vor der Ermordung durch Ehemann, Bruder oder Vater erschütterte mich beim Lesen sehr. Das Schicksal der Frauen ist authentisch und deshalb umso tragischer. Sie haben keinerlei Entscheidungsfreiheit, keinerlei Recht auf eine eigene Meinung. Was daraus resultiert sind Verzweiflung und Verbitterung. Als Lenu die Frauen aus dem Rione beobachtet, kommt ihr folgender Gedanke:


"Und, du lieber Himmel, sie waren zehn oder höchstens zwanzig Jahre älter als ich. Trotzdem hatten sie die femininen Züge schon verloren, auf die wir Mädchen so großen Wert legten (...). Sie waren von den Körpern ihrer Männer, Väter und Brüder aufgezehrt worden, denen sie immer ähnlicher wurden, oder von der vielen Arbeit, dem nahenden Alter, von Krankheiten. Wann setzte diese Verwandlung ein?" (S. 130)

Die Frauen in diesem Buch heiraten aus vielerlei Gründen, jedoch selten aus Liebe. Meist lernen sie die wahre Liebe nach der Hochzeit kennen, doch den Mann zu verlassen kommt natürlich nicht in Frage. Die Verzweiflung wird tiefer, die Traurigkeit ebenfalls.

Doch auch die normalen Probleme junger Menschen kommen hier wieder nicht zu kurz. Das Respektieren des eigenen Körpers, die Angst, dumm zu wirken, enttäuschte Liebe und  Hoffnung bezüglich der Zukunft...all dies sind Themen in diesem Buch.

Die Charaktere entwickeln sich allesamt weiter, was mir hier besonders positiv aufgefallen ist. Die Kinder werden erwachsen, durch ihre Schicksale und ihre Erfahrungen lernt man auch deren Eltern besser verstehen. Es gibt eine Szene, in welcher Lenu ihre neuen Schulbücher auspackt und ihre Mutter ins Zimmer kommt. Diese bricht beim Anblick der Bücher in Tränen aus und verlässt den Raum. Genauer wird dieses Verhalten nicht betrachtet, doch als Leserin kam ich nicht umhin, mir Fragen zu diesem Verhalten zu stellen. Reagiert die Mutter so emotional, weil es ihr nicht möglich ist Lenu neue Bücher zu kaufen? Wird sie an ihren eigenen, verwehrten Wunsch zu Lernen erinnert? Sind es Eifersucht, Wehmut oder einfach nur Traurigkeit die die Tränen verursachen?

Fazit: Ich könnte unzählige weitere Szenen aus diesem Buch aneinanderreihen und meine Gefühle dazu beschreiben, doch das würde den Rahmen sprengen. Insgesamt bleibt mir zu sagen, dass der zweite Band dieser vierteiligen Reihe dem ersten in nichts nachsteht. Ich empfand ihn als noch emotionaler, noch eindringlicher als den Auftakt und kann dieses Buch letzten Endes nur weiterempfehlen.