Sonntag, 7. Januar 2018

Rezension: Connie Palmen - Du sagst es

Originaltitel: Jij zegt het
Preis Ebook: 18,99 €
Preis Hardcover: 22,00 €
Übersetzung: Hanni Ehlers

Seitenanzahl: 288 Seiten
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3257069747
Erscheinungsdatum: 24. August 2016 

Klappentext  Sylvia Plath und Ted Hughes sind das berühmteste Liebespaar der modernen Literatur – und das tragischste: Denn nach Sylvias Suizid im Jahr 1963 galt sie als Märtyrerin, hingegen ihr Mann als Verräter – eine Schuldzuweisung, zu der er sich zeitlebens nie äußerte. In dieser fiktiven Autobiographie bricht er sein Schweigen. Palmen lässt ihn auf seine leidenschaftliche Ehe zurückblicken und eine Liebe neu beschreiben.

"Du sagst es" ist die fiktive Autobiografie Ted Hughes, in welcher seine Beziehung zu Sylvia Plath beschrieben wird. Ted Hughes (1930 - 1998) war ein bedeutender englischer Dichter und Schriftsteller. Sylvia Plath (1932 - 1963) war Lyrikerin. Ihr einziger Roman "Die Glasglocke" zählt heute zu den Klassikern der Weltliteratur.

Das Buch beginnt mit dem Kennenlernen und endet kurze Zeit nach Sylvia Plaths Suizid. Die Handlung umfasst die komplette Beziehung in chronologischer Reihenfolge. Schon das erste Aufeinandertreffen war bezeichnend für die spätere Beziehung, denn Sylvia soll Ted in die Wange gebissen haben.

"Ich hätte wissen müssen, dass eine Frau, die beißt, statt zu küssen, den, den sie liebt, auch bekämpft." (S. 8)


Schnell ziehen die beiden ungewöhnlichen Persönlichkeiten den Leser in den Bann. Connie Palmen ermöglicht Einblicke in Sylvias und Teds Inneres und vermittelt dadurch ein durchdringendes, allumfassendes Bild in Sylvias und Teds Wesen, welches an Authentizität nicht zu überbieten ist. Sylvia Plath ist eine sehr extreme Frau, von Manien und Depressionen geplagt. Ihre Stimmungsschwankungen sind unberechenbar, können in unterschiedlichster Form jeder Zeit auftauchen. Neben Sylvia ist Ted der Hauptleidtragende.

"Natürlich durchschaute ich selbst auch, dass die Angstattacken, Schweigekriege und Weinkrämpfe - so ernst ich die Wunde nahm, der sie entsprangen - dazu dienten, mich gefühlsmäßig zu manipulieren, aber ich hatte mich schon zu sehr mit der atemberaubenden Vorstellung angefreundet, ihr so wichtig zu sein, dass sie nicht eine Sekunde ohne mich auskommen konnte. (S. 193)

Immer wieder muss er beweisen, dass er nur sie liebt. Ihr versichern, dass sie eine großartige Schriftstellerin ist. Über Sylvias Hass gegenüber Ihrer Mutter schreibt Connie Palmen in Teds Worten:

"Keine Tochter hasst ihre Mutter, ohne sich selbst zu hassen." (S. 131)


Die beiden sind voneinander abhängig, können nicht ohne einander, aber auch nur schwer miteinander bis es zum großen Vertrauensbruch kommt.

 "Der Mann, den sie angebetet und vergöttert hatte, den sie in allem über sich selbst gestellt hatte, war letztlich ein Mann wie alle anderen, ein Lügner, ein ehebrecherischer Betrüger, ein kleiner Mensch." (S. 225/226)

Ted wird zum Buhmann. Zu dem, der in den Augen der Leute Schuld an Sylvias Suizid trägt. 

"Immer sind es die größten Heuchler, die sich über Tadel und Verdächtigungen empören, gegen die die Toten sich nicht mehr wehren können, um dann auf die nächste Überlebenden zu zielen und das Magazin auf sie leerzuschießen. Als könnten die Lebenden sich wehren mit Schmähungen, Verleumdungen, Unterstellungen und Klatsch bombardiert werden, als wäre eine Verteidigung gegen Lügen möglich, solange man sprechen kann. (S. 270)

Das Buch hat eine melancholische, teilweise geradezu depressive und finstere Atmosphäre und berührt nicht zuletzt durch die schöne Sprache Connie Palmens. Ihre Worte sind wundervoll und treffend gewählt.

"Du sagst es" ist nicht im klassischen Sinne spannend. Doch die bereits angesprochene Faszination, die das Paar auf mich ausübte, hielt mich am Lesen und bewirkte, dass ich mich auch nach der Beendigung des Romans noch eine Weile mit Sylvia Plath, Ted Hughes, den gemeinsamen Kindern und dem Leben nach Sylvias Tod auseinandersetzte. 

Fazit: Ein sehr melancholisches und atmosphärisch dichtes Buch über eins der berühmtesten Liebespaare der Literatur, das insbesondere, aber nicht nur für Liebhaber deren Werke empfehlenswert ist.

Montag, 4. Dezember 2017

Rezension: Banana Yoshimoto - Moshi Moshi

Originaltitel: Moshi Moshi Shimokitazawa
Preis Ebook: 9,99 €
Preis Taschenbuch: 12,00 €
Übersetzung: Matthias Pfeifer


Seitenanzahl: 304 Seiten
Verlag: detebe / Diogenes
ISBN: 978-3257243963

Erscheinungsdatum: 26. April 2017 

Klappentext Die zwanzigjährige Yotchan steht vor dem Nichts, als ihr Vater, Leader einer Rockband, plötzlich zusammen mit einer wildfremden Frau Selbstmord begeht. Mit ihrer Mutter findet sie Zuflucht in einer ungewöhnlichen WG in Tokios Künstler- und Szeneviertel Shimokitazawa. Dort findet jede auf ihre Art zu neuer Lebensfreude zurück, getragen von dem authentischen Stadtviertel und seinen Bewohnern. Kochkunst, Essenslust und eine bewegte Reifungs- und Liebesgeschichte – eine asiatisch weise Verführung zum Leben.

"Moshi Moshi" beschreibt die Geschichte einer jungen Frau. Ihr Vater, ein bekannter Musiker, nahm sich mit einer Fremden das Leben und Yotchan bleibt mit der Mutter allein zurück. Während die beiden um den Verstorbenen trauern, fühlen sie sich zugleich verraten und hintergangen. Die Trauer um ihren Vater beschreibt Yotchan mit folgenden Worten:

"Blumen, Licht, Wünsche oder ausgelassenes Vergnügen, all das war auf einmal in weite Ferne gerückt. Ich war gefangen in einer tiefen Finsternis in der nur noch die elementarsten Bedürfnisse herrschten, wo nur noch die aus meinem Bauch kommende Kraft zählte und alles Schöne und Leichte keinen Wert mehr besaß." (S. 7)

Doch in diesem Buch geht es um viel mehr als das Gefühl der Trauer. Wir begleiten Yotchan ein kleines Stück auf dem Weg des Erwachsenwerdens und beobachten, wie sie aus dieser schlimmen Erfahrung auch an Stärke gewinnt. Yotchans Gedanken und Gefühle sind authentisch und nachvollziehbar beschrieben. Yoshimotos Schreibstil zeichnet sich durch seine ungeheure Leichtigkeit aus und dennoch gehen ihre Geschichten tiefer. In dem Restaurant in dem sie arbeitet, lernt Yotchan einen Mann kennen, in welchen sie sich zu verlieben glaubt. Aber ist die Liebe wirklich so einfach? Kann man sich aussuchen in wen man sich verliebt und was ist Liebe überhaupt?

Die Erzählweise des Buches ist typisch japanisch. Nachdem Yotchan ihre Mutter fragte, was sie eigentlich den ganzen Tag tue, antwortet diese mit einer seitenlangen Beschreibung von ihrem Alltag. Dieser besteht aus vielen Nebensächlichkeiten und ist gerade deshalb etwas Besonderes. Denn wann findet schon der Alltag Beachtung? Die Art wie Yoshimoto diesen Alltag beschreibt ist nicht langweilig, denn in diesem Abschnitt hat der Leser das Gefühl selbst durch Shimokitazawa zu schlendern und die Stadt genauer kennenzulernen.

Das Ende des Buches ist sehr gelungen, da es eigentlich kein richtiges Ende ist. Der Leser begleitet Yotchan über 304 Seiten hinweg und sie geht ihren Weg danach alleine weiter. Es gibt keinen Abschluss, der an ein konkretes Ereignis geknüpft ist. 

"Nichts hatte sich geändert, der Nebel hatte sich nicht gelichtet, und trotzdem war mein Herz zufrieden, als hätte es eine Antwort bekommen." (S. 293)

Fazit: "Moshi Moshi" ist sehr melancholisch, an einigen Stellen wunderschön, sodass man das Buch nicht niedergeschlagen, sondern mit einem Lächeln zur Seite legt. Eine sehr japanische, melancholische und tiefgründige Geschichte über die Trauer und deren Bewältigung, das Erwachsenwerden und die Liebe.
 

Sonntag, 18. Juni 2017

Rezension: Claire Fuller - Eine englische Ehe

Originaltitel: Swimming Lessons
Preis Ebook: 19,99 €
Preis Hardcover: 22,00 €
Übersetzung: Susanne Höbel
Seitenanzahl: 368 Seiten

Verlag: Piper
ISBN: 978-3492057912

Erscheinungsdatum: 01. März 2017 

Klappentext Eigentlich hatte sie andere Pläne. Ein selbstbestimmtes Leben, Reisen, vielleicht eine Karriere als Schriftstellerin. Doch als sich Ingrid in ihren Literaturprofessor Gil Coleman verliebt und von ihm schwanger wird, wirft sie für ihn all dies über Bord. Gil liebt seine junge Frau, und dennoch betrügt er sie, lässt sie viel zu oft mit den Kindern in dem kleinen Ort an der englischen Küste allein. In ihren schlaflosen Nächten beginnt sie, Gil heimlich Briefe zu schreiben. Statt ihm ihre innersten Gedanken anzuvertrauen, steckt sie ihre Briefe in die Bücher seiner Bibliothek und verschwindet schließlich auf rätselhafte Weise. Zwölf Jahre später glaubt Gil, seine Frau wieder gesehen zu haben - und ihre gemeinsame Tochter Flora, hin und her gerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung, beginnt nach Antworten zu suchen, ohne zu ahnen, dass sie nur die Bücher ihres Vaters aufschlagen müsste, um sie zu erhalten ...

"Eine englische Ehe" ist die Geschichte einer Frau, die sich in jungen Jahren in ihren Literaturprofessor verliebt. Schon in der Anfangszeit ist das unglückliche Ende vorhersehbar. Gil verhält sich wenig gentlemanlike, was Ingrid auch bewusst ist. Sich selbst möchte sie beweisen, dass sie ihn halten kann...und ihn dann im passenden Moment abservieren. Doch sie bleibt bei ihm und als sie schwanger wird, ist an ein Ende der Beziehung nicht mehr zu denken. Ingrid lebt kein glückliches Leben. Sie schafft es nicht eine Beziehung zu ihren Kindern aufzubauen und verhält sich so, wie es von einer liebenden Mutter erwartet wird. Nicht aus Instinkt, sondern aus Pflichtgefühl und um die Erwartungen zu erfüllen. Dass ihr Mann sie mehrfach betrügt und mit ihren Problemen alleine lässt, verschlimmert die Situation zudem. Dann verschwindet sie spurlos.

Zwölf Jahre später glaubt Gil seine Frau gesehen zu haben. Die Töchter Flora und Nan gehen unterschiedlich mit der Situation um. Während Nan, die Ältere, nicht an das Hirngespinst des Vaters glaubt, beginnt Flora zu hoffen, dass ihre Mutter wirklich wieder auftauchen könnte.

Die Geschichte ist in zwei Teile, welche sich regelmäßig abwechseln, aufgeteilt. Das Heute, das größtenteils aus Floras Sicht beschrieben wird und vor allem die Probleme von Flora und Nan behandelt: Bindungsangst, die unterdrückte Sehnsucht nach der Mutter, das Zweifeln am Vater. Ingrids Geschichte wird von Ingrid selbst in Briefform erzählt. Kurz vor ihrem Verschwinden schrieb sie Briefe an ihren Mann, welche sie in dessen zahlreichen Büchern versteckte. Die Briefe beginnen mit der Zeit des Kennenlernens und gehen bis zu ihrem Verschwinden. Hierdurch erfahren wir ihre Geschichte. Beschrieben wird eine zunächst hoffnungsvolle, später hoffnungslose Frau, die zahlreichen Demütigungen ausgesetzt war.

Der Schreibstil der Autorin ist mitreißend und angenehm zu lesen. Die Geschichte selbst zog mich schnell in ihren Bann und ich war gespannt, mehr von der Verschwundenen zu erfahren. War sie wirklich wieder aufgetaucht? Oder ist ihr Wiederauftauchen das Hirngesprinst eines trauernden und bereuenden Mannes? Vor allem die Perspektivenwechsel erhielten die Spannung aufrecht. Die Briefform aus Ingrids Perspektive hat mir hierbei besonders gefallen.

Fazit: Eine mitreißende Geschichte einer unglücklichen Frau und einer Ehe, die vermutlich keinem der beiden Partner gut getan hat. Mir hat das Buch sehr gut gefallen, auch weil es mich ein wenig an Meg Wolitzers "Die Ehefrau" erinnerte. 

Freitag, 16. Juni 2017

Rezension: Gay Talese - Der Voyeur

Originaltitel: The Voyeurs Motel
Preis Ebook: 15,99 €
Preis Hardcover: 20,00 €
Übersetzung: Alexander Weber


Seitenanzahl: 224 Seiten

Verlag: Tempo / Hoffmann & Campe
ISBN: 978-3455000993

Erscheinungsdatum: 11. April 2017 

Klappentext Gerald Foos hat eine Obsession: Er will alles über das Sexleben anderer Menschen wissen. Zu diesem Zweck kauft er ein Hotel in Colorado. Jahrzehntelang observiert er seine Gäste und notiert akribisch, was er sieht, den Wandel sexueller Sitten von den späten 1960er Jahren bis heute: Sex mit Ehefrauen oder Geliebten, Gruppensex, gleichgeschlechtlichen Sex, Sex mit sich selbst – oder auch gar keinen Sex. Und er beobachtet nicht nur, er greift auch ins Geschehen ein, mit fatalen Konsequenzen ... In den achtziger Jahren wendet sich Foos schließlich an einen der berühmtesten Journalisten unserer Tage: Gay Talese. Foos, der sich selbst als Soziologe sieht, will seine Erkenntnisse über die menschliche Natur endlich mit jemandem teilen. Talese ist sofort fasziniert, aber es wird noch Jahrzehnte dauern, bis die Geschichte von Gerald Foos an die Öffentlichkeit gelangt – und einen veritablen Skandal verursacht.

"Der Voyeur" ist ein Sachbuch, ein Tatsachenbericht, über den  Voyeur Gerald Foos. Dieser wendet sich an den Journalisten Gay Talese und erzählt ihm, dass er seit Jahrzehnten die Gäste seines eigens für voyeuristische Zwecke gekauften Motels, beobachtet. Beim Lesen des Klappentextes lief es mir eiskalt den Rücken hinunter. Unzählige Opfer wurden bei Gesprächen belauscht, beim Sex und beim Toilettengang beobachtet. Entdeckt wurde der Voyeur nie.

Die New York Times beschreibt das Buch mit den Worten »"Ein außergewöhnliches, melancholisches, moralisch komplexes, oft beängstigendes und manchmal sehr komisches Buch, das einen vollkommen in seinen Bann zieht." Leider weiß ich beim besten Willen nicht, wie ich "moralisch komplex" deuten soll. Die Taten des Voyeurs sind eindeutig illegal und moralisch nicht vertretbar. Doch auch in anderen Punkten kann ich der Times leider nicht zustimmen. Das Buch ist in seiner Geschichte zwar außergewöhnlich, doch Melancholie konnte ich in der Sachlichkeit der Erzählweise (sowohl des Autors als auch des Voyeurs) nicht entdecken. Auch in den Bann ziehen konnte mich dieses Buch leider weniger, denn umso mehr ich las, desto stärker ließ das Interesse nach. Zu Beginn erfährt der Leser viel über das Leben des Voyeurs. Später wiederholt sich vieles. Klar, der Sex wird anders, ebenso die Gespräche der Gäste. Aber im Grunde genommen wird eben immer wieder geschildert, wie ein Mann seine Motelgäste bespannt. Welche Stellen die Times mit "manchmal sehr komisch" beschreibt, weiß ich genau. Doch ich konnte diese Stellen nicht als komisch empfinden. Einiges ekelte mich an (dabei nicht nur der Voyeur, sondern auch dessen Gäste), bei anderen Stellen fühlte ich mich aufgrund der Verletzung der Privatsphäre unwohl. Denn nichts anderes ist dieses Buch: Das Beobachten von echten Menschen, die sich dessen nicht bewusst sind. Das Buch macht den Leser zum Voyeur und ich fühlte mich nicht wohl damit.

Der Schreibstil des Journalisten Gay Talese ist sehr sachlich und angenehm leicht zu lesen. Der Aufbau des Buches gefiel mir gut. Die Geschichte beginnt mit dem Brief, den Gerald Foos an Gay Talese schrieb. Später springt der Autor zwischen Gesprächen mit Foos, Aufzeichnungen des Voyeurs und eigenen Gedanken hin und her. Dies sorgt für Abwechslung.

Auch die Bilder des Voyeurs, seines Motels, den Zimmern des Motels, seinen Ehefrauen, etc. empfand ich sehr interessant. Gesammelt sind die Bilder in der Mitte des Buches.

Fazit: Leider konnte mich das Buch nicht überzeugen, was sicherlich damit zu tun hat, dass ich mich mit der Thematik nicht wohlfühlte. Ich hatte das Gefühl, als würde ich beim Lesen selbst in das Privatleben der beobachteten Menschen eindringen, was ich in gewisser Art und Weise auch tat. Die Beobachtungen des Voyeurs wiederholen sich häufig und die Veränderung des Sexlebens über die Jahrzehnte, überraschte mich nicht wirklich. Leider verlor das Buch für mich immer weiter an Spannung.

Samstag, 10. Juni 2017

Rezension: Emma Straub - Frauen, die lieben


Preis Ebook: 14,99 €
Preis Hardcover: 19,99 €
Übersetzung: Gabriela Schönberger
Seitenanzahl: 416 Seiten

Verlag: Droemer Knaur
ISBN:
978-3-426-28170-3
Erscheinungsdatum: 01. März 2017

Klappentext Ein sensibler und unterhaltsamer Roman über die Komplexität moderner Beziehungen von der amerikanischen Bestsellerautorin Emma Straub. Was ist nach einem halben Leben von den Träumen und Hoffnungen der Jugend übrig? Durch einen Zufall findet Elisabeth, die in Brooklyn als Immobilienmaklerin arbeitet, heraus, dass ihr Mann Andrew sie vor Jahren betrogen hat. Elisabethʼ beste Freundin Zoe quält derweil der Gedanke, dass sie und ihre Frau Jane zwar als Geschäftspartnerinnen noch immer hervorragend funktionieren, die Gefühle im Alltag aber auf der Strecke geblieben sind. Und während die Mittvierziger mit alten Träumen und neuen Chancen hadern, machen ihre fast erwachsenen Kinder Harry und Ruby sich bereit, diesem Sommer ihren Stempel aufzudrücken und ins Leben aufzubrechen.

In "Frauen, die lieben" betrachtet die Autorin unterschiedliche Beziehungen. Da wäre das auf den ersten Blick klassische Ehepaar. Mann, Frau und Sohn in einer intakten Beziehung zueinander mit Haus und ohne Sorgen. Nach und nach stellt sich jedoch heraus, dass nicht alles so perfekt ist, wie es zu sein scheint. Des Weiteren handelt die Geschichte von einem lesbischen Paar und deren Tochter. Dass hier einiges im Argen liegt, merkt der Leser schnell. Die dritte Beziehung, spielt sich zwischen den Kindern der beiden Paare ab. Während Harry der brave Vorzeigesohn ist, ist Ruby eine Rebellin durch und durch. Dennoch scheint sie mehr zu verbinden, als ein Beobachter zunächst für möglich halten mag.

Der Schreibstil der Autorin ist sehr flüssig und angenehm zu lesen. Ich merkte kaum, wie die Seiten dahin flogen und kam schnell voran. Während ich die Geschichte beim Lesen ganz gerne mochte, tat ich mich schwer, das Buch nach Pausen wieder zur Hand zu nehmen. Hauptursache dafür: Die Charaktere interessierten mich nur wenig, da ich diese als sehr stereotyp und wenig facettenreich empfand. Während des Buches machte kaum einer davon eine Entwicklung durch und behielt somit den Stempel, den er von mir unabsichtlich zu Beginn des Buches aufgedrückt bekam.

Sehr gut gefallen haben mir die regelmäßigen Perspektivenwechsel. Leider waren die Gefühle der Charaktere weniger eindringlich beschrieben, sodass ich diese zwar verstehen, aber nur schwer nachempfinden konnte. Die Geschichte selbst ist vom Alltag geprägt und somit wenig spannungsgeladen.

Beworben wird der Buch mit dem Satz "Ein sensibler und unterhaltsamer Roman über die Komplexität moderner Beziehungen von der amerikanischen Bestsellerautorin Emma Straub." Unterhaltsam ist dieser Roman auf jeden Fall, denn beim Lesen selbst kommt kaum Langeweile auf. Als sensibel empfand ich ihn weniger, aber auch das ist sicherlich Ermessenssache. Was allerdings mit "Komplexität moderner Beziehungen" gemeint ist, kann ich leider nicht nachvollziehen. Die Beziehungen, die hier geführt werden sind nicht komplexer als es jede Beziehung von Natur aus ist. Und modern sind die aufgeführten Beziehungen maximal durch die ausgelebte Homosexualität. Der Rest wirkt, abgesehen davon, dass ein Großteil der Erwachsenen in einer berühmten Band spielte, eher konservativ. 

Fazit: Ein Buch über Beziehungen, das vor allem von Problemen und dem Alltag erzählt. Gerade bei den Charakteren hätte ich mir deutlich mehr Tiefe und Facetten gewünscht. Ein unterhaltsames Buch, das man aber nicht unbedingt gelesen haben muss.

Samstag, 3. Juni 2017

Rezension: Miklos Banffy - Verschwundene Schätze

Preis Ebook: 16,99 €
Preis Taschenbuch: 16,90 €
Übersetzung: Andreas Oplatka
Seitenanzahl: 576 Seiten

Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-14375-2 
Erscheinungsdatum: 01. Januar 2015 

Klappentext Auch im zweiten Band der Siebenbürger- Trilogie bildet der trügerische Frieden vor dem Ersten Weltkrieg den Hintergrund. Die nationalen und sozialen Gegensätze zwischen Ungarn, Rumänen und Deutschen verschärfen sich. Doch die Oberschicht veranstaltet noch immer Jagden und Duelle, feiert Bälle und sich selbst, während das Ende der bisherigen Gesellschaftsordnung unweigerlich näher rückt. Das Schicksal der beiden ungleichen Grafen und Cousins Bálint und László wird fortgeschrieben: Beide geraten privat und politisch immer tiefer in unlösbare Verwicklungen und verschwenden die über Generationen angehäuften Schätze ihrer Vorfahren.

In dem ersten Band der Trilogie betrachtet Miklos Banffy die ungarische Oberschicht. Die Gesellschaft an sich mit all ihren Intrigen, Bedürfnissen, Sehnsüchten und Charaktereigenschaften wurde sehr detailliert und ausführlich beschrieben. Erzählt wurde die Geschichte der beiden Grafen Balint und Laszlo (in etwa zu gleichen Teilen), deren Entwicklung und deren große Gefühle für zwei Frauen. Auch politische Einblicke gab es bereits. Die Stimmung des ersten Bandes war unbeschwerter. Es gab humorvolle Stellen, welche in diesem zweiten Band deutlich seltener vorkommen. Dass die Stimmung in den beschriebenen Jahren in Siebenbürgen eher düster und vorahnungsvoll ist, spiegelt sich in der Atmosphäre des Buches wider. Die politische Lage spitzt sich zu, der erste Weltkrieg steht bevor.

Im zweiten Band der Trilogie steht die Politik im Vordergrund. Alle Leser, die nicht oder nur wenig mit der Geschichte Siebenbürgens vertraut sind, sollten sich spätestens vor dem Lesen des zweiten Bandes noch ein paar Grundkenntnisse zulegen. Genauestens beschreibt Banffy die Politik der Ungarn zur damaligen Zeit. Ein gewisses Interesse ist also absolut notwendig. Die Hauptthemen des ersten Bandes geraten etwas in den Hintergrund. Zwar wird Balints Liebe zu Addy nach wie vor thematisiert, doch Laszlo kommt in diesem zweiten Band - zu meinem Bedauern! - kaum noch vor, war er doch in "Die Schrift in Flammen" mein Liebling. Die Geschichte geht voran. Genauer thematisiert wird in diesem Buch auch die Bedeutung der Ehe und die Stellung der Frau.

Der Schreibstil des Autors ist nach wie vor ein wahrer Genuss und erinnert stark an Tolsois Schreibe, mit welchem er auch des Öfteren verglichen wurde. 

"Im prasselnden Regen erreichten sie manche Tropfen, sie rollten ihr über das Gesicht hinab und bedeckten die Brillengläser. Doch nicht dies allein behinderte ihre Sicht. Ihre Tränen sammelten sich auch auf der Innenseite der gewölbten Gläser. Allmählich durchdrangen sie - es waren so viele - den fest anliegenden Rand der Brille und flossen ihr die Wangen hinab. Die Natur und die ihre Augen wetteiferten miteinander, so beweinten sie ihre Trauer." (S. 107)

Fazit: Keine Frage, dass es sich bei Banffys Werk um Weltliteratur handelt. Stilistisch sicher schafft er Atmosphären und schillernde Bilder im Kopf des Lesers wie kaum ein anderer. Sehr zu empfehlen, ein Interesse an der (ungarischen) Politik ist aber Grundvoraussetzung.

Montag, 29. Mai 2017

Rezension: Graham Swift - Ein Festtag

OT: Mothering Sunday
Preis Ebook: 14,99 €
Preis Hardcover: 18,00 €
Übersetzung:  Susanne Höbel

Seitenanzahl: 144 Seiten
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423281102
Erscheinungsdatum: 15. Mai 2017

Klappentext Jane, das junge Dienstmädchen von Beechwood, und Paul, der Spross aus begütertem Haus, haben ein Verhältnis. Heimliche Botschaften, verschwiegene Treffen, doch heute, an diesem sonnigen Märzsonntag 1924, darf Jane – Familie und Dienerschaft sind ausgeflogen – ihr Fahrrad einfach an die Hausmauer des Anwesens lehnen, durchs Hauptportal herein und ins Bett ihres Geliebten kommen. Ein erstes und ein letztes Mal, denn Paul wird bald – standesgemäß – heiraten. Später, gegen Mittag, wird sie leichtfüßig und nackt durch das weitläufige Haus streifen, beseelt von der rauschhaften Innigkeit dieses herausgehobenen Morgens und nicht ahnend, dass ihr Leben am Ende dieses Tages zu zerbrechen droht. Viele Jahrzehnte später blickt sie zurück und erzählt: von einer Tragödie und zugleich einer wundersamen Entfaltung. Schwebend verschränkt Swift Gegenwart und Vergangenheit, erzählt fein und makellos von einem Leben, in dem alle Grenzen bedeutungslos wurden. Schillernd, unerhört und sinnlich.

Die Geschichte beginnt mit dem Dienstmädchen Jane, dass in dem Bett ihres Liebhabers Paul liegt. Paul ist der Sohn einer angesehenen Familie und wird in Kürze heiraten. Die beiden verbinden einige Momente der geheimen Zweisamkeit, doch in den 20ern des 19. Jahrhunderts, darf solch eine Liebe nicht sein. Als Paul sich auf den Weg zu seiner Verlobten macht, bleibt Jane allein im Haus zurück. Nackt bleibt sie zunächst in seinem Bett, streift dann jedoch durchs Haus und hängt ihren Gedanken nach. Sie spinnt Szenen. Szenen, wie Paul sein Zuspätkommen erklärt. Szenen, wie seine Verlobte darauf reagiert.

"Ich kenne weder meinen Vater noch meine Mutter. Auch meinen wirklichen Namen nicht. Falls ich je einen hatte. Und das schien mir die beste Voraussetzung für den Beruf des Schriftstellers - besonders für einen Geschichtenerzähler. Ohne Empfehlung zu kommen. Ein leeres Blatt zu sein. Ein Niemand. Wie soll man ein Jemand werden, wenn man nicht erst ein niemand war?" (S. 95)

Im groben ist dies bereits die Handlung von "Ein Festtag". Doch die Geschichte geht viel tiefer. Der Leser erhält Einblicke in Janes früheres sowie in Janes späteres Leben. Als Waisenkind aufgewachsen, später als Schriftstellerin gefeiert. Wir erfahren, wie der Schicksalsschlag, der in dem Klappentext angekündigt wird Jane und deren Leben nachhaltig verändert. Wir verfolgen ihre Gedanken zu der Sprache, ihre Gedanken zu ihrer Herkunft und zugleich entwirft Graham Swift ein treffendes und genaues Bild der damaligen Gesellschaft. 

"Die Dienenden dienten und die Bedienten lebten. Aber manchmal schien es ehrlich gesagt genau andersherum zu sein. Das Dienstpersonal hatte ein Leben, und das war hart, während die Bedienten oft nicht zu wissen schienen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollten." (S. 98)

Insbesondere die Gedanken der Protagonistin Jane und deren Entwürfe von Szenen konnten mich begeistern. Ebenso der Schreibstil des Autors Graham Swift, der so leicht und direkt und dennoch voller Intensität ist. Die Poesie seiner Sprache, steigert Graham Swift im Laufe des Buches und so intensivieren wundervolle Gedankenkonstrukte und atmosphärische Beschreibungen die vorliegende Geschichte.

"Und wenn Waisenkinder jetzt tatsächlich Weißenkinder genannt wurden? Und der Himmel Erde hieß. Und wenn Bäume Osterglocken hießen. Würde das an der Natur der Dinge etwas ändern? Oder an ihrem Geheimnis?" (S. 105)

"Wir sind alle Brennstoff. Wir werden geboren, und wir brennen, manche schneller als andere. nd es gibt unterschiedliche Zündstoffe. Aber nicht zu brennen, nie zu entflammen, das wäre wahrhaftig ein trauriges Leben." (S. 112)

Fazit: "Ein Festtag" hat mir in vielerlei Hinsicht gefallen. Die anderen Werke von Graham Swift werden von mir nicht unbeachtet bleiben!