Mittwoch, 30. Dezember 2015

Rezension: Francesca Haig - Das Feuerzeichen

OT: The Fire Sermon
Preis Ebook: 13,99 €
Preis Hardcover: 16,99€ 
Seitenanzahl: 477 Seiten
Verlag: Heyne fliegt
ISBN: 978-3-453-27013-8


Erscheinungsdatum: 26. Oktober 2015 
Genre: Dystopie 
Reihe: Band 1/3  
Meine Wertung: 3,5 Sterne

Klappentext Vierhundert Jahre in der Zukunft: Durch eine nukleare Katastrophe wurde die Menschheit zurück ins Mittelalter katapultiert. Es ist eine Welt, in der nur noch Zwillinge geboren werden. Zwillinge, die so eng miteinander verbunden sind, dass sie ohne einander nicht überleben können. Allerdings hat immer einer von beiden einen Makel. Diese sogenannten Omegas werden gebrandmarkt und verstoßen. Es ist die Welt der jungen Cass, die selbst eine Omega ist, weil sie das zweite Gesicht besitzt. Während sie Verbannung, Armut und Demütigung erdulden muss, macht ihr Zwillingsbruder Zach Karriere in der Politik. Cass kann und will diese Ungerechtigkeit nicht länger ertragen und beschließt zu kämpfen. Für Freiheit. Für Gerechtigkeit. Für eine Welt, in der niemand mehr ausgegrenzt wird. Doch die Rebellion hat ihren Preis, denn sollte Zach dabei sterben, kostet das auch Cass das Leben.

Schon lange habe ich mich auf diesen Auftakt einer neuen dystopischen Trilogie gefreut. Die Grundidee war mir neu und dementsprechend hoch waren meine Erwartungen.

Das Cover finde ich richtig toll. Wenn man das Buch in den Händen hält, wirkt es noch viel eindrucksvoller als auf dem Bildschirm. Die "verbrannten" Stellen wirken total echt und machen das Buch zu einem Hingucker. Das Cover passt für mich, ebenso wie der Titel, perfekt zum Inhalt des Buches. Auch der Klappentext ist sehr passend gewählt. Er verrät so viel, dass der Leser abschätzen kann, ob ihm das Buch zusagt, nimmt dabei aber nicht zu viel vorweg.

Die Idee von einer Welt in welcher nur noch Zwilligsgeburten, einer der Zwillinge ein Omgea der andere ein Alpha, auftauchen, gefiel mir auf Anhieb. Zudem wurde diese Idee sehr interessant ausgearbeitet und konnte mich überzeugen. Der Schreibstil der Autorin gefällt mir sehr gut. Er ist flüssig und angenehm zu lesen. Die Seiten fliegen dahin und man merkt kaum, wie die Zeit vergeht.

Die Charaktere sind für mich der Hauptgrund, weshalb ich dem Buch nicht die Bestwertung gebe. Cass und Kip waren mir zwar sympathisch, nahmen jedoch erst zum Schluss etwas Farbe an. Ich konnte ihnen kein Gesicht zuordnen und auch charakterlich blieben sie mich für den Großteil der Geschichte sehr blass. Hier hätten mehr Details nicht geschadet. Sehr gut beschrieben wurden hingegen die Nebencharaktere, wie bspw. Zach, die Beichtmutter oder Piper. Die Autorin kann es also. Weshalb sie den Protagonisten nicht mehr Tiefe verlieh, bleibt mir ein Rätsel. Zum Ende hin wurde es zwar etwas besser, doch ich hoffe sehr, dass die Protagonisten in Band 2 etwas "lebendiger" werden.

Der Anfang des Buches war sehr, sehr ruhig. Dennoch hat er mir sehr gut gefallen. Wir erfahren mehr über diese dystopische Welt, über die Alphas, die Omegas und die Regierung. Nach ca. 100 Seiten nimmt das Buch, mit einer unerwarteten Enthüllung, an Tempo zu. Diese Enthüllung war spannend und schockierend zugleich. Leider konnte dieses Tempo während der nächsten 100 Seiten nicht gehalten werden. Diese empfand ich als etwas zäh, doch was dann kam konnte mich zu 100% überzeugen. Die Spannung der zweiten Hälfte des Buches war kaum zu überbieten. Ich fieberte mit Cass und den anderen und konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Hier überzeugte mich Francesca Haig vor allem mit neuen Ideen und einer dichten Atmosphäre, die diesen Auftakt einzigartig macht. Das Ende war für mich unvorhersehbar und überraschend. Ich hatte mit einigem gerechnet, doch niemals mit dem, was Francesca Haig mir geboten hat. Das Buch endet mit einem ziemlich fiesen Cliffhanger, sodass ich den zweiten Band der Trilogie sehnsüchtig erwarte.

Fazit: Ein Auftakt, der mich trotz Schwächen durch seine Originalität, seine Atmosphäre und die interessante Idee überzeugen konnte. Ich liebe es, wenn ein erster Band nicht das gesamte Potenzial ausschöpft, sondern Platz für die Folgebände lässt. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Folgebände noch spannender werden und kann es kaum erwarten, den zweiten Band zu lesen.

Samstag, 26. Dezember 2015

Rezension: Salman Rushdie - Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte

OT: Two Years, Eight Month and Twentyeight Nights
Preis: 19,99€
Format: 1 MP3-CD
Laufzeit:
11h 59Minuten
 
Gelesen von: Simon Jäger
Verlag: Der Hörverlag


ISBN:
978-3-8445-1905-1

Erscheinungsdatum: 21. September 2015
Genre: Roman

Reihe: Einzelband
Meine Wertung: 2/5 Sterne


Klappentext Dunia, die Fürstin des Lichts, verliebt sich in den Philosophen Ibn Rush und zeugt mit ihm viele Kinder, die in die Welt hinaus ziehen. Ibn Rush gilt als Gottesfeind, sein Gegenspieler ist der tiefgläubige islamische Philosoph Ghazali. Die Geister der beiden geraten in Streit. Der Kampf des Glaubens gegen die Vernunft beginnt und entfacht einen so furchtbaren Sturm, dass sich im Weltall ein Spalt öffnet, durch den die zerstörerischen Dschinn zu uns kommen. Die Existenz der Welt steht auf dem Spiel. Dunia entschließt sich, den Menschen zu helfen.

Simon Jäger war mir als Hörbuchsprecher bereits aus Hörbüchern von John Katzenbach und Sebastian Fitzek ein Begriff. In Filmen leiht er u.a. Matt Damon seine Stimme. Ich mag sowohl seine Art zu Lesen als auch seine Stimme selbst, weshalb mich Hörbücher mit ihm meist interessieren. Auch in "Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte" passt er seine Stimme wieder in Perfektion der Geschichte an und überzeugte mich einmal mehr.

Der Beginn des Hörbuches hat mir sehr gefallen. Salman Rushdie hat einen sehr eigenen Humor, in welchem er seine Kritik verpackt ohne diese zu entschärfen. Dieser konnte mich sofort mitreissen. Auch die Geschichte selbst begann sehr interessant und außer-gewöhnlich. Teilweise philosophisch und beinahe immer gesellschaftskritisch erinnerte mich das Buch nicht nur einmal an eine Satire.

Auch der Schreibstil ist außergewöhnlich und nur schwer zu beschreiben. Der Aufbau des Buches ist sehr komplex, so gibt es in Salman Rushdies Werk mehrere ineinander verschachtelte Ebenen, denen ich nicht immer folgen konnte. Ein Großteil der Sätze ist ebenfalls sehr verschachtelt und zieht sich teilweise über mehrere Zeilen hinweg. Leider gab es hier zusätzlich auch noch einige Längen, in welchen der Autor über viele Seiten (im Falle des Hörbuches Minuten) die Welt der Dschinn beschrieb. Teilweise fühlte ich mich komplett verloren und hatte große Mühe irgendwie wieder in die Geschichte zu finden. Zum Ende hin war ich einfach nur noch frustriert, weil mir dies nicht gelingen wollte.

Fazit: Salman Rushdies "Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Tage" ist keine leichte Kost. Bei aller Liebe zu Simon Jäger: Ich wünschte ich hätte dieses Buch gelesen und nicht gehört. Vielleicht wäre es mir dann leichter gefallen der Geschichte zu folgen?

Freitag, 25. Dezember 2015

Rezension: Emily St. John Mandel - Das Licht der letzten Tage

OT: Station Eleven
Preis Ebook: 12,99 €
Preis Softcover: 14,99€
Seitenanzahl: 416 Seiten 
Verlag: Piper

ISBN: 978-3-492-06022-6
Erscheinungsdatum: 14. September 2015
Genre: Sci-Fi
Reihe: Einzelband
Meine Wertung: 3,5/5 Sterne

Klappentext Niemand konnte ahnen, wie zerbrechlich unsere Welt ist. Ein Wimpernschlag, und sie ging unter. Doch selbst jetzt, während das Licht der letzten Tage langsam schwindet, geben die Überlebenden nicht auf. Sie haben nicht vergessen, wie wunderschön die Welt war. Sie vermissen all das, was einst so wundervoll und selbstverständlich war, und sie weigern sich zu akzeptieren, dass alles für immer verloren sein soll. Auf ihrem Weg werden sie von Hoffnung geleitet – und Zuversicht. Denn selbst das schwächste Licht erhellt die Dunkelheit. Immer.

Das Cover ist schlichtweg ein Traum. Es war Liebe auf den ersten Blick und passt meines Erachtens, ebenso wie der Titel, perfekt zum Inhalt des Buches. Auch wenn der Klappentext ebenfalls gut passt, könnte er dennoch ein falsches Bild von dem Buch vermitteln. "Das Licht der letzten Tage" ist keineswegs eine Dystopie im klassischen Sinne und beinhaltet weder eine rasante noch eine actionreiche Handlung. Vielmehr lebt dieses Buch von den ruhigen Tönen der Autorin.

Der Schreibstil von Emily St. John Mandel ist ein wahrer Genuss. Eindringlich, poetisch, malerisch und teilweise anspruchsvoll erzählt die Autorin die Geschichte einer Welt, in welcher 99% der Menschheit an der georgischen Grippe starb. Vor allem aber trägt sie den Leser an verschiedene Orte, zwingt ihn, aus verschiedenen Perspektiven zu sehen und hüllt ihn in eine dichte Atmosphäre, sodass der Leser sich fühlt, als lebe er selbst in der Welt, welche die Autorin in "Das Licht der letzten Tage" zeichnete.

Die Charaktere sind allesamt authentisch. Manche sind sympathisch, andere weniger, doch insgesamt hat Emily St. John Mandel auch hier einen sehr guten Job gemacht.

Das Buch umfasst 55 recht kurze Kapitel und ist in neun Teile unterteilt. Hierbei wird die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Und hier kommen wir auch schon zum Knackpunkt, weshalb ich dem Buch keine vollen fünf Sterne gebe. Ich kann die Anzahl der verschiedenen Perspektiven leider nicht benennen und so gerne ich Perspektivenwechsel auch mag: Hier waren es für mich ein paar zu viel davon.

Einen klaren Protagonisten gibt es nicht, auch wenn sich in dem Buch alles um den Schauspieler Arthur Leander dreht. Den Handlungsstrang um Miranda mochte ich, auch wenn er in der Zeit vor der georgischen Grippe spielte, am liebsten. Mit dem Handlungsstrang von Kirsten, einer jungen Frau aus der Zeit nach der georgischen Grippe, die völlig fasziniert von Arthur Leander und die Comics "Das Licht der letzten Tage" von Miranda ist, mochte ich hingegen leider weniger. Sie zieht mit einer Symphonie, in der die Charaktere lediglich die Namen ihrer Instrumente tragen (Tuba, Geige, etc.), durch das Land. Zwar konnten mir diese Kapitel ein gutes Bild von der Welt nach der Grippe vermitteln, doch der Funke sprang bei mir einfach nicht über. Oftmals geriet ich sogar in Versuchung Passagen oder sogar ganze Seiten zu überspringen, weil mich einfach nicht interessierte, wie es mit der Synphonie weiter ging.

Fazit: Wie bewertet man ein Buch, dass man stellenweise für seine Poesie, seine Charaktere und die Atmosphäre liebte und sich dann wieder seitenlang langweilte? Ich weiß es nicht. Ich gebe dem Buch 3,5 Sterne, weil sich diese am ehesten "richtig" anfühlen. Dennoch möchte ich dieses Buch jedem empfehlen, der einen guten Schreibstil und eine tolle Atmosphäre zu schätzen weiß. 

Dienstag, 22. Dezember 2015

Rezension: Vera Buck - Runa

Preis Ebook: 15,99 €     
Preis Hardcover: 19,99€
Seitenanzahl: 608 Seiten  
Verlag: Limes
ISBN: 978-3-8090-2652-5

Erscheinungsdatum: 24. August 2015
Genre: Historischer Medizin-Thriller  
Reihe: Einzelband
Meine Wertung: 4/5 Sterne

Klappentext "Man kam nicht her, um zu genesen, sondern um zu sterben." Paris 1884. In der neurologischen Abteilung der Salpêtrière-Klinik führt Dr. Charcot Experimente mit hysterischen Patientinnen durch. Seine Hypnosevorführungen locken Besucher aus ganz Europa an; wie ein Magier lässt der Nervenarzt die Frauen vor seinem Publikum tanzen. Dann aber wird Runa in die Anstalt eingeliefert, ein kleines Mädchen, das all seinen Behandlungsmethoden trotzt. Jori Hell, ein Schweizer Medizinstudent, wittert seine Chance, an den ersehnten Doktortitel zu gelangen, und schlägt das bis dahin Undenkbare vor. Als erster Mediziner will er den Wahnsinn aus dem Gehirn einer Patientin fortschneiden. Was er nicht ahnt: Runa hat mysteriöse Botschaften in der ganzen Stadt hinterlassen, auf die auch andere längst aufmerksam geworden sind. Und sie kennt Joris dunkelstes Geheimnis …

Normalerweise greife ich nur sehr, sehr selten zu historischen Romanen. "Runa" machte mich jedoch neuierig. Das geheimnisvolle Cover gefällt mir ausgesprochen gut und erregte sofort meine Aufmerksamkeit. Nicht anders ging es mir mit dem Klappentext. Auch diesen finde ich, besonders im Zusammenspiel mit dem Cover, sehr gelungen. Schnell war für mich klar: Dieses Buch muss ich lesen.

Ich merkte bereits auf den ersten Seiten, dass ich ein besonderes Buch in den Händen hielt. Das Buch zog mich sogleich in seinen Bann, seine Atmosphäre umfasste mich schlagartig und so dauerte es nur wenige Seiten, bevor ich das erste Mal eine Gänsehaut bekam.

Vera Buck hat einen unglaublichen Schreibstil und setzt diesen auch geschickt zur Zeichnung von Orten und Personen ein. Je nach Perspektive änderte sich auch der Schreibstil, wodurch man die verschiedenen Handlungssträge sehr gut auseinanderhalten kann. Dazu gefiel mir auch die Sprache sehr, sehr gut und ich konnte kaum glauben, dass es sich bei Runa um einen Debütroman handelte.

Die Charaktere konnten mich vor allem deshalb begeistern, weil sie weder gut noch böse waren. Dies trifft zumindest auf Jori und Lecoq (mein Favorit in diesem Buch!) zu. Die Charaktere sind unglaublich vielschichtig und wirken daher auch besonders authentisch. Jori, der Protagonist, war mir zu Beginn nicht besonders sympathisch. Er vergötterte im Stillen den grausamen Nervenarzt Charcot und hinterfragte dessen Handeln nicht. Doch während des Buches macht Jori eine sehr spannende Entwicklung durch, in welcher er zu Hinterfragen beginnt.

Wie bereits erwähnt konnte mich das Buch von der ersten Seite packen. Allerdings muss ich zugeben, dass die Begeisterung nach ca. 80 Seiten ein wenig nachlies. Zu Beginn gab einfach vieles (gewollt!) keinen Sinn. Ich las von verschiedenen Charakteren, wobei Joris Geschichte den größten Platz einnahm, die auf den ersten Blick rein gar nichts miteinander zu tun hatten. Ich fragte mich, wann diese sich endlich über den Weg laufen würden. Nach und nach wurden die Geschichten geschickt miteinander verwoben und ab der Hälfte konnte mich "Runa" wieder begeistern.

Das Ende von "Runa" lies mich ein wenig enttäuscht zurück, denn eine "Sache" blieb zum Schluss offen. Gerne hätte ich noch mehr über die verschiedenen Charaktere erfahren.

Zum Genre: Da ich nun schon öfter gelesen habe, dass jemand sich fragte, ob das Buch auch für ihn geeignet sei, möchte ich gerade zu diesem "gefürchteten Grusel" und dem Genre ein paar Sätze los werden. Ich lese Krimis, ich lese Thriller. Wer nur schwer von Gewalt lesen kann, sollte von "Runa" die Finger lassen. Nur, weil die Geschichte um "Runa" Fiktion ist, gilt dies leider nicht für die medizinischen Gebräuche des späten 19. Jahrhunderts. Und diese Gewissheit war für mich der wahre Grusel: Das Wissen, das ein "Sex Baton" oder eine "Ovarienpressen" nicht der Fantasie der Autorin entsprungen sind.

Fazit: Ein Buch, das mich während des Lesens zum Nachdenken brachte. Selbst jetzt, drei Wochen nach der Beendung des Buches, bin ich immer noch fasziniert von der Geschichte.

Freitag, 20. November 2015

Rezension: Mathias Malzieu - Der kleinste Kuss der Welt

OT: Le plus petit baiser jamais recensé
Preis Ebook: 9,99€
Preis Taschenbuch: 12,99 €
Seitenanzahl: 144 Seiten
Verlag: Carl's Books
ISBN: 978-3-570-58547-4

Erscheinungsdatum: 31. August 2015  
Genre: Poetische Kurzgeschichte
Reihe: Einzelband
Meine Wertung: 3/5 Sterne

Klappentext Ich hatte den kleinsten Kuss der Welt im Théâtre du Renard verloren. Er war mir mitten in der Nacht beim Tanzen von den Lippen geglitten, als mein Blick auf ein blaues Petticoatkleid mit großen weißen Tupfen fiel. Anmut, Sinnlichkeit und Verlockung. Ein Hauch von Geheimnis. Immer, wenn ich mich ihr nähern wollte, entwischte sie mir. Nach einem getänzelten Slalom stand ich endlich der Frau gegenüber, die mich magnetisierte. Ich brachte kein Wort heraus. Aus Angst, die Flut könnte sie abermals davonspülen, küsste ich sie. Der Anflug eines Kurzschlusses. Wir berührten einander kaum. Der kleinste Kuss der Welt. Ein grelles Licht, und dann nichts. Sie war fort. Als wäre ihr Mund ein magischer Schalter – wenn man ihn umlegt, löst sie sich in Luft auf. Ich hörte sie davongehen, hörte ihre Schritte verklingen. Sie war also gar nicht verschwunden, sie war bloß unsichtbar geworden! Wir hatten einander den kleinsten Kuss der Welt gegeben, und sie hatte sich verflüchtigt, abrupt wie ein Stromausfall. Ich musste sie unbedingt wiederfinden.

Die Buchgestaltung von "Der kleinste Kuss der Welt" ist atemberaubend. Das Buch ist vermutlich das schönste Buch, dass ich jemals in den Händen gehalten habe. Nicht nur das Cover gefällt mir ausgesprochen gut, auch im Inneren des Buches haben die Gestalter ganze Arbeit geleistet.


Meine Erwartungen an dieses Buch waren recht hoch. Schon lange wollte ich ein Werk von Mathias Malzieu lesen und versprach mir ein einzigartiges, poetisches Erlebnis. Dies habe ich zum Teil auch bekommen.

Das Buch umfasst 144 Seiten, wovon nur ca. 118 Seiten die eigentliche Geschichte ausmachen. Dementsprechend schnell, sollte das Buch packen und begeistern. Leider fiel mir ausgerechnet der Einstieg in die Geschichte recht schwer. Ich hatte meine Probleme, mich auf die Handlung einzulassen. Doch nach einigen Seiten konnte dann auch ich mich in eine Welt von sprechenden Papageien, Kuss-Pralinen und unsichtbaren Frauen fallen lassen

Der Schreibstil von Mathias Malzieu ist wirklich etwas ganz besonderes und ich kann denen, die das Buch als poetisch bezeichnen, nur zustimmen. Der Schreibstil ist genau der Grund, weshalb ich die Geschichte dann doch noch genießen konnte.


Meine Kritik betrifft leider die Handlung. Die Grundidee und auch deren Umsetzung sind nicht schlecht, allerdings konnten mich weder die Handlung noch die Protagonisten berühren. Einzig der Plottwist am Ende, den ich wirklich nicht kommen sah, konnte mich überraschen und hat mir sehr gut gefallen.

Fazit: Ein wunderschönes Büchlein, das mich vor allem durch die liebevolle Gestaltung und den besonderen Schreibstil überzeugen konnte. Die Geschichte selbst war leider nicht mein Fall.  

Donnerstag, 10. September 2015

Rezension: Arturo Pérez-Reverte - Dreimal im Leben

OT: El tango de la Guardia Vieja  
Preis: 22,95€
Einband: Hardcover
Seitenanzahl: 525 Seiten
Verlag: Insel (Suhrkamp)
ISBN:
978-3458175803

Erscheinungsdatum: 05. August 2013
Genre: Roman
Reihe: Einzelband
Meine Wertung: 4/5 Sterne


 
Klappentext Auf einem Ozeandampfer begegnen sie sich das erste Mal. Es ist das Jahr 1928, Max – jung und von wildem Charme – arbeitet als Eintänzer in der ersten Klasse. Mecha zieht ihn augenblicklich in den Bann, ihre aparte Schönheit, der weltberühmte Komponist an ihrer Seite, das funkelnde Collier um ihren schlanken Hals. Es folgt ein Tanz, ein nichtssagender Smalltalk, der verheißungsvoller nicht sein könnte. In Buenos Aires angekommen, führt Max das Paar durch die zwielichtigen Tangobars seiner Geburtsstadt. Doch in dieser Nacht geraten die Dinge außer Kontrolle, und für Max und Mecha beginnt das Abenteuer ihres Lebens: die große Liebe. Eine Liebe, die erst viele Jahre später auf der Promenade Nizzas zwischen entrücktem Glamour und den Wirren des Krieges eine zweite Chance erhält.

Das Cover finde ich, ebenso wie den Klappentext, absolut gelungen und passend zu der Geschichte. Leider hatte ich zu Beginn einige Probleme in die Geschichte hineinzufinden. Der Schreibstil ist recht komplex und zu Beginn gewöhnungsbedürftig. "Dreimal im Leben" ist somit kein Buch, dass man "mal eben kurz" liest. Auch größere Pausen sollte man beim Lesen vermeiden, da es sonst schwer werden könnte, wieder hineinzufinden.

Besonders gut gefallen hat mir die Atmosphäre, die Arturo Pérez-Reverte in "Dreimal im Leben" schuf. Als Leser fühlt man sich an verschiedenste Orte versetzt und spürt das Leben in der jeweiligen Zeit. Und ich spürte es wirklich, sah die beschriebenen Orte, tanzte den Tango und lernte die Charaktere kennen. Denn auch diese sind unglaublich gut gezeichnet und authentisch. Auch wenn ich die beiden Protagonisten nicht unbedingt in mein Herz schloss - Mecha war mir viel zu kühl, Max hingegen zu arrogant - konnte ich mir die beiden sehr gut vorstellen. Eine gute Geschichte muss ja nicht zwangsläufig sympathische Charaktere beinhalten. Die Liebesgeschichte, die der Klappentext verspricht, konnte ich in diesem Buch nicht finden. Die beiden haben eine unglaubliche Anziehungskraft aufeinander, was auch die vielen Jahre in welchen sie sich nicht sahen, nicht verändert. Diese Anziehungskraft konnte ich fühlen. Doch eine starke Liebe konnte ich während des Lesens nicht ausmachen.

Auch der Schreibstil konnte mich nicht ganz überzeugen. Viel zu oft wiederholten sich Worte oder Beschreibungen. An einigen Stellen hatte ich das Gefühl, dass der Autor mit aller Gewalt versuchte, einen Satz möglichst poetisch klingen zu lassen oder diesen unnötig verschachteln wollte. Der Schreibstil wirkte nicht immer natürlich sondern an einigen Stellen sehr gewollt. Wie bereits erwähnt ist er zudem nicht einfach zu lesen, sondern anspruchsvoll, was jedoch nicht als Kritik aufgefasst werden soll.

Der Hauptgrund, weshalb ich in der Endwertung zwei Sterne abziehe, liegt an der Handlung selbst. Stellenweise konnte mich diese mitreissen. Ich liebte das Gefühl das ich beim Lesen hatte ebenso wie die Atmosphäre. An anderen Stellen widerum war ich von zu detailreichen Beschreibungen wie bspw. die genaue Einführung in den Tango, gelangweilt. Zudem verlor sich der Autor noch in zahlreichen Beschreibungen, Erklärungen und Fachsimpeleien eines Schachspiels.

Fazit: Ein toller Roman der insbesondere durch die Zeichnung der Charaktere und der besonders dichten Atmosphäre begeistert. Die Handlung sowie der Schreibstil hingegen, konnten mich jedoch nicht ganz überzeugen. Empfehlenswert ist dieses Buch insbesondere, für Personen die Interesse an Tango oder Schach - oder im besten Fall sogar an beidem - haben. 

Sonntag, 19. Juli 2015

Rezension: Der Araber von morgen von Riad Sattouf

OT: L'Arabe Du Futur
Preis: 19,99€
Einband: Klappbroschur
Seitenanzahl: 160 Seiten
Verlag: Knaus
ISBN:
978-3813506662

Erscheinungsdatum: 16. Februar 2015
Genre: Grafic Novel
Reihe: Band 1/?
Meine Wertung: 5/5 Sterne


Klappentext Die wahre Geschichte eines blonden Jungen zwischen arabischer und westlicher Welt.

Der Autor, Comiczeichner und Filmregisseur Riad Sattouf erzählt in „Der Araber von morgen“ die autobiographische Geschichte eines kleinen Jungen, der als Sohn einer Französin und eines Syrers in Libyen, Syrien und Frankreich aufwächst. Durch die „Ich-Perspektive“ schildert der kleine blonde Araber Riad dem Leser seine Erfahrungen in einer, anfangs auch für ihn, fremden arabischen Welt. Dabei wirken die Schilderungen und Beobachtungen oft nüchtern, beinahe sachlich. Die Verwunderung, die sich, durch die manchmal schon recht verstörenden Erlebnisse, beim Leser einstellt, wird von dem kleinen Riad nicht geteilt. Die unbefangene Art mit der sich ein Kind auf neue und ihm unbekannte Eindrücke und Erfahrungen einlassen kann, ermöglicht dem Leser einen direkten, unverfälschten Zugang zu den Erinnerungen des Autors. Einfache Erklärungen werden einem daher vom Autor nicht vorgekaut. Der Leser wird gezwungen sich mit den Charakteren und ihren Handlungsmustern selbst auseinanderzusetzen und wird dadurch zum Nachdenken und Reflektieren angeregt.


So stellt sich beispielsweise der Vater von Riad als sehr ambivalente Figur dar, die einerseits nicht sonderlich religiös ist und als Heilmittel für die angeschlagene arabische Gesellschaft alles auf das Konzept Bildung setzt. Andererseits verteidigt der Vater aber die Diktatur als für die Araber einziges funktionierendes System und hält den Araber gleichzeitig für eine Art besseren Menschen, wie gemacht zur Weltherrschaft. Ebenso lassen einen die Beweggründe der Mutter rätseln, die kaum als aktiv handelndes Wesen auftritt und den Entscheidungen des Vaters widerspruchslos folgt. Sie wirkt antriebslos,  unzufrieden mit ihrer Situation im arabischen Wohnort, scheint aber nie auch nur den Versuch zu unternehmen die Situation für sich oder ihren Sohn zu verbessern. 
Dass der Autor die Beweggründe seiner Charaktere nicht weiter beleuchtet funktioniert sehr gut, da wir der Handlung als reiner Beobachter durch die Augen von Riad folgen, einem kleinen Jungen, der all dieses Hintergründe selbst noch gar nicht verstehen kann. Gerade in der Aufrechterhaltung dieser Ambivalenz, dieser Hin- und Hergerissenheit zwischen zwei sehr unterschiedlichen Kulturen, liegt die Stärke des Buches. Obwohl es sich um ein historisch-politisches Buch handelt, ist Sattouf kein Agitator, der dem Leser seine Gesinnung aufzwingen möchte. Vielmehr ist er ein Erklärer und Vermittler, dem es auf exzellente Weise gelingt die modernen Spannungen und Unterschiede zwischen unseren Kulturkreisen offenzulegen.


Außerdem möchte ich darauf verweisen, dass auch die französische Seite bei Sattouf nicht sehr gut wegkommt. Da er aber seine Kindheit überwiegend in den arabischen Ländern verbracht hat, liegt der Fokus nun mal hauptsächlich auf diesen Ländern. Um es mit seinen eigenen Worten zu sagen: „Ich fühle mich weder als Franzose noch als Syrer. Allerdings vermute ich, dass mein kritischer Blick, meine Haltung der Wirklichkeit gegenüber, mein Individualismus auch, doch eher in einer europäischen Tradition stehen. Ich empfinde aber weder eine ausgeprägte Sympathie für die eine oder andere Kultur.“


Fazit: „Der Araber von morgen“ ist eine großartige, wichtige Graphic-Novel, die jedem ans Herz gelegt sei, der sich auch nur ansatzweise für den „Cultural Clash“ zwischen der westlichen und der arabischen Welt interessiert. Ich bin schon sehr gespannt auf die Fortsetzung!

Freitag, 29. Mai 2015

Rezension: Haruki Murakami - Die unheimliche Bibliothek

OT: Fushigi Na Toshokan
Preis: 14,99 €  
Einband: Hardcover  
Seitenanzahl: 64 Seiten  
Verlag: Dumont
ISBN:
978-3832197179

Erscheinungsdatum: 22. August 2013
Genre: Kurzgeschichte
Reihe: Einzelband
Meine Wertung: 5/5 Sterne  








Ausnahmsweise spare ich mir den Klappentext und zwar aus gutem Grund. Das Buch besteht aus 64 Seiten, wovon 20 Seiten reine Illustrationen beinhalten. Vier Seiten sind Vorsatzblätter, etc. sodass die Geschichte aus 40 Seiten reinem Text besteht, wobei die Schriftgröße auch relativ groß ist. Das Büchlein ist also in ca. 30 Minuten gelesen. Der Klappentext ist relativ lang und nimmt zu viel vorweg. Ich finde es besonders bei Kurzgeschichten einfach schade, wenn die Hälfte schon im Klappentext verraten wird.

„Die unheimliche Bibliothek“ habe ich sehr gerne gelesen. Der Schreibstil von Haruki Murakami ist unglaublich. Besonders die Dialoge fand ich sehr gelungen. Auch schafft es Murakami von der ersten Seite an, eine sehr dichte Atmosphäre zu schaffen, sodass man sofort mitten im Buch ist. Für eine halbe Stunde war ich selbst in der unheimlichen Bibliothek. Die leicht skurrilen Geschehnisse und Charaktere haben mir während des Lesens wirklich Spaß gemacht und mir teilweise einen kalten Schauder über den Rücken gejagt. Die Geschichte wird durch die tollen Illustrationen wunderbar ergänzt. Etwas schade fand ich die Platzierung der Illustrationen. Diese sind so groß und gewaltig, dass sie kaum zu übersehen sind. War auf der linken Seite Text und der rechten Seite eine Illustration, wurde hin und wieder etwas vorweg genommen. Hier hätte man mehr auf die Platzierung achten sollen.

Natürlich lässt sich darüber streiten, ob 14,99 € für dieses kurzweilige Lesevergnügen angemessen sind. Man zahlt hier ganz klar für den Namen „Murakami“ sowie die Illustrationen. Ein Buch aber aufgrund des Preises schlechter zu bewerten, würde mir im Traum nicht einfallen. Man muss einfach vorher wissen, was einen erwartet. Außerdem kann man das Buch gebraucht kaufen (oder broschiert für 9,99€) oder aus der Bibliothek ausleihen, wobei man sich nach der Geschichte um „Die unheimliche Bibliothek“ zwei Mal überlegen wird, ob man es wieder zurück bringt ;)

Fazit: Mir hat diese Kurzgeschichte unglaublich gut gefallen. Wer noch nichts von Murakami gelesen hat, wird durch dieses kleine Büchlein definitiv Lust auf seine anderen Werke bekommen. Ich bin fasziniert, wie Murakami es schaffte mich auf diesen wenigen Seiten, vollkommen in den Bann dieses Buches zu ziehen!

Rezension: Antonia Michaelis - Das Institut der letzten Wünsche

Preis: 19,99 €
Einband: Hardcover
Seitenanzahl: 496 Seiten
Verlag: Knaur
ISBN:
978-3426653654


Erscheinungsdatum: 01. April 2015
Genre: Roman
Reihe: Einzelband
Meine Wertung: 5/5 Sterne  









Klappentext Die verträumte Mathilda arbeitet für eine Organisation, die sterbenden Menschen ihre letzten Wünsche erfüllt. Ein letztes Mal Schneeflocken spüren mitten im Hochsommer, Maria Callas live erleben oder in einem stillgelegten Vergnügungspark Riesenrad fahren – alles kein Problem, kleine Tricks inbegriffen. Das ändert sich, als Mathilda Birger begegnet. Denn er wünscht sich, vor seinem Tod noch einmal seine große Liebe Doreen und ihr gemeinsames Kind wiederzusehen. Mathilda soll sie für ihn suchen – nur will sie Doreen eigentlich gar nicht finden, denn sie hat sich auf den ersten Blick in Birger verliebt.

Die Bücher von Antonia Michaelis sind für mich generell ein Muss. Die Geschichte um „Das Institut der letzten Wünsche“ konnte mich schon auf den ersten Seiten begeistern. Und diese Begeisterung hielt an, während jedes einzelnen Satzes.

Der Schreibstil ist ein wahrer Genuss und berührte mich auf verschiedene Weisen. So kam es mehrfach vor, dass ich in einem Moment einen dicken Kloß im Hals hatte und im nächsten Moment lachen musste…und zwar richtig. Denn die Charaktere sind so liebenswert und witzig, dass es gar nicht anders geht. Ich kann nicht beantworten, welcher der Charaktere mir am besten gefallen hat. Die leicht verrückte Mathilda? Der zerstreute und stets verwuschelte Birger? Der fast menschliche Hund Eddie der sprechen kann oder es zumindest versucht? Herr Mirusch, der die Zeit repariert? Ich könnte ewig so weiter machen, denn ich habe mich in jeden einzelnen von ihnen verliebt und werde noch oft und gerne an sie zurück denken.

Zu der Handlung selbst kann und will ich gar nicht zu viel verraten. Denn dies ist ein Buch, dessen Handlung man nur dann nachempfinden und begreifen kann, wenn man es selbst gelesen hat. Es geht um das Sterben, ein unbequemes Thema, mit dem jeder anders umgeht. In dieser Geschichte sind wir Teil vieler verschiedener letzter Wünsche, die alle auf ihre Art sehr berühren. Doch wir werden auch Teil von Mathilda’s Leben und suchen mit ihr gemeinsam nach Doreen und ihrem Kind. Die Handlung ist von der ersten Seite an spannend und es bleibt viel Platz für Spekulationen. Immer, wenn man denkt, dass man auf der richtigen Spur ist, kommt es doch anders. Das Ende beantwortet die meisten Fragen, die man sich während des Lesens stellte. Es lies mich nachdenklich und sehr berührt zurück. 

Fazit: Einfach wundervoll versteht es Antonia Michaelis ein bedrückendes Thema mit humorvollen sowie berührenden Szenen zu verweben. Unterstrichen wird diese ohnehin fantastische Geschichte durch liebenswerte Charaktere, die dem Leser von der ersten Seite an sympathisch sind, ihn zum Lachen, zum Weinen und zum Nachdenken bringen. Absolute Leseempfehlung.

Samstag, 16. Mai 2015

Rezension: Nathan Filer - Nachruf auf den Mond



OT: The shock of the fall
Preis: 19,99 €
Einband: Hardcover
Seitenanzahl: 320 Seiten
Verlag: Droemer
ISBN:
978-3426281246

Erscheinungsdatum: 02. März 2015
Genre: Roman
Reihe: Einzelband
Meine Wertung: 4/5 Sterne 







Klappentext »Ich werde Ihnen erzählen, was passiert ist, denn bei der Gelegenheit kann ich Ihnen meinen Bruder vorstellen. Er heißt Simon. Ich glaube, Sie werden ihn mögen. Wirklich. Doch in ein paar Seiten wird er tot sein. Danach war er nie mehr derselbe.« Matthew Homes ist ein begnadeter Erzähler, und Patient der Psychiatrischen Klinik in Bristol. Um dort dem trostlosen Alltag zu entfliehen, schreibt er seine Geschichte auf – und die seines Bruders Simon, der im Alter von elf Jahren während des Campingurlaubs in Cornwall starb. Selbst nach zehn Jahren gibt sich Matthew immer noch die Schuld am Unfalltod seines Bruders. Doch eigentlich ist Simon für ihn gar nicht tot – und Matthew auch kein gewöhnlicher 19-Jähriger. Matthew leidet an Schizophrenie.

Das Cover machte mich direkt neugierig. Eine Leiter zum Mond, darunter eine Ameise. Was hat es damit aufsich? Schon nach einigen Seiten verstand ich, was sich die Buchgestalter bei dem Cover gedacht haben. Da ich nicht zu viel von der Handlung vorweg nehmen möchte, werde ich darauf nicht genauer darauf eingehen. Ich erlebte beim Lesen jedoch einen richtigen „Aha-Moment“ und bin nach wie vor begeistert, wie passend das Cover gewählt wurde.

Der Schreibstil von Nathan Filer ist ein Gedicht. Er schreibt sehr bildhaft und spricht den Leser als Matt direkt an, bezieht in mit ein. „Ich hätte ja lieber Turnschuhe getragen, aber Sie kennen ja meine Mutter.“ (S.8) Mir hat diese Form des Schreibens sehr gut gefallen. Matt schrieb, teils am PC der Psychiatrie, teils an der Schreibmaschine zuhause, seine Geschichte auf und als Leserin hatte ich das Gefühl das „Original“ in der Hand zu halten. Ich fühlte mich Matt sehr nah und verbunden. Besonders gut gefallen hat mir zudem die Art, wie der Verlag mit der Schrift spielte. Die Schriftart ändert sich, je nachdem auf welchem Gerät Matt schrieb. Das Geschriebene wird durch kleine Zeichnungen ergänzt. Leider erzählt Matt seine Geschichte nicht der Reihe nach sondern wild durcheinander, manchmal etwas wirr, sodass ich hin und wieder meine Probleme hatte zu erfassen, wo Matt denn gerade mit seinen Gedanken ist. Hier ist auf jeden Fall ein gewisses Maß an Konzentration erforderlich.

Die Charaktere sind sehr authentisch. Vor allem Matt konnte sehr gut verstehen, aber auch seinen Bruder Simon und seine Großmutter „Nanny Noo“ fand ich auf anhieb sympathisch. Matt’s Eltern waren ebenfalls authentisch und auch wenn ich wusste, dass sie teilweise nicht optimal handelten, war ihre Handlungsweise doch immer nachvollziehbar.

Matt’s Geschichte fand ich sehr berührend und durchgehend spannend. Als Leser möchte man erfahren, wie sein Bruder Simon starb und wie Matt zu dem wurde, was er heute ist. Das Ende hat mich in seiner Abgeschlossenheit positiv überrascht. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass dies ein Buch wird, bei dem viele Fragen offen bleiben werden, doch dies war hier - zum Glück - nicht der Fall.

Fazit: Eine sehr berührende Geschichte die vor allem auch durch den tollen Schreibstil überzeugt. Auch wenn das Buch mit seinen 320 Seiten sehr dünn ist, ist es meines Erachtens kein Buch für zwischendurch, da man sich beim Lesen konzentrieren muss um mitzukommen. Wer diese Konzentration und ein bisschen Zeit mitbringt wird bei „Nachruf auf den Mond“ mit einer ganz besonderen Geschichte belohnt.