Mittwoch, 25. Januar 2017

Rezension: E.T.A. Hoffmann - Das Fräulein von Scuderi

Preis Ebook: 0,99 €
Preis Hardcover: 15,00 €
Seitenanzahl: 144 Seiten
Verlag: Dörlemann

ISBN: 978-3038200369
Erscheinungsdatum: 15. August 2016
Genre: Klassiker / Kriminalnovelle
Reihe: Einzelband

Klappentext  In finsterer Nacht klopft ein Fremder an die Tür des Hauses der geachteten Hofdichterin Magdaleine von Scuderi. Kreidebleich und verzweifelt sucht er Einlass, um der ehrenwerten Dame eine Schachtel zu übergeben. Als sie diese später öffnet, liegt darin ein wunderschönes Geschmeide. Doch warum ein so teures Geschenk für eine alte Dame? Und ist es nur Zufall, dass zur selben Zeit eine Mordserie Paris in Angst und Schrecken versetzt, deren Opfer allesamt kurz vor ihrem Tod ein Schmuckstück bei einem berühmten Goldschmied erwarben? In E.T.A. Hoffmanns Novelle wird im Paris des 17. Jahrhunderts eine 73jährige Dichterin zur Privatermittlerin in einem höchst rätselhaften Kriminalfall, dessen Spuren sie sowohl in höchste politische Kreise als auch in die eigene Vergangenheit führen.

Nicht nur wegen der hochwertigen Leinenbindung und des schönen Covers ist dieses Werk in meinen Augen bestens als Geschenk geeignet. Die Novelle ist anspruchsvoll und dennoch sehr spannend.

Handlungsort dieser Novelle ist das Paris des 17. Jahrhunderts. Ein geheimnisvoller Unbekannter überbringt dem Fräulein von Scuderi ein wertvolles und außergewöhnliches Schmuckstück. Ein Schmuckstück, das nur von einer Hand, dem angesehensten Juwelier der Stadt, stammen kann. Ebendieser wird kurze Zeit später ermordet, glücklicher Weise konnte der heimtückische Morder direkt dingfest gemacht werden. Doch das Fräulein mag nicht so recht an die Schuld des Mannes glauben und verhört, denkt, verknüpft und klärt schließlich auf. Dabei entsteht eine überraschende Kriminalhandlung, die uns auch in die Vergangenheit den Fräuleins führt, bei welcher auch Geheimnisse, die Liebe und eine Portion Grusel nicht zu kurz kommen. Vor allem aber, liest sich das Buch unfassbar spannend. Als Leser wird man von neuen Irrungen und Wirrungen überrascht und folgt dem sympathischen, alten Fräulein gerne bei der Suche nach der Wahrheit. 

Das wahre Kunstwerk ist hier jedoch eindeutig die Sprache. E.T.A Hoffmann wusste was er kann und zeigte dies in dieser Novelle nur zu gerne.  Er gibt sich den Worten voll und ganz hin und seine Leidenschaft für die Sprache füllt jedes Wort. Meine Leidenschaft für Geschriebenes wurde von seinen Worten weiter befeuert und so war dieses Buch für mich ein wahrer Genuss, eine Auszeit, einige Momente für mich und die Schönheit der Sprache.

Fazit: Ein wunderschön gestalteter Klassiker aus dem 19. Jahrhundert, welcher durch Handlung vor allem aber durch Stil begeistern kann.
 

Montag, 23. Januar 2017

Rezension: David Garnett - Mann im Zoo

OT: A man in the zoo
Übersetzung: Maria Hummitzsch
Preis Ebook: 12,99 €
Preis Hardcover: 17,00€
Seitenanzahl: 160 Seiten


Verlag: Dörlemann
ISBN: 978-3038200406
Erscheinungsdatum: 23. Januar 2017
Genre: Roman
Reihe: Einzelband
 

Klappentext John Cromartie besucht mit seiner Freundin Josephine Lackett den Zoologischen Garten, dabei kommt es zu einem Streit. Josephine hält John seine »atavistischen Ansichten« vor und meint, er gehöre selber in den Londoner Zoo. Gesagt, getan: Kurzerhand schreibt Cromartie einen Brief an die Zoo-Direktion, seiner Bitte wird entsprochen und er zieht bald darauf in einen geräumigen Käfig im Affenhaus. Seine beiden Nachbarn, ein Schimpanse und ein Orang- Utan, sind alles andere als begeistert und würden den neuen Mitbewohner, vor dessen Käfig die Leute in langen Schlangen stehen, vor lauter Eifersucht am liebsten in der Luft zerreißen ...

Die Geschichte beginnt mit einer Auseinandersetzung zwischen John Cromartie und seiner Geliebten Josephine Lackett. Irgendwann vergleicht die aufbrausende und wankelmütige Josephine John mit einem wilden Tier. Er solle sich ausstellen lassen, schimpft sie im Wahn, woraufhin er ihr versichert genau dies zu tun. Und so kommt es dann auch. John schreibt einen Brief an den Zoo und schenkt sich zur Ausstellung. Sein neues Zuhause ist ein Käfig, menschengerecht eingerichtet mit einem Tisch, einem Stuhl und jede Menge Büchern. Seine Nachbarn: Eine Orang-Utan-Dame und ein Schimpanse. Die Ausstellung des Menschen ist ein wahrer Erfolg, auch wenn sie zunächst für einige Diskussionen sorgt.

"Die armen Tiere, sie müssen ihre Schönheit teuer bezahlen", sagte John nach einer Pause. "Was nur unterstreicht, was ich gesagt habe. Die Menschen wollen alles Schöne einfangen und wegsperren, um dann in Scharen herbeizueilen und mit anzusehen, wie es nach und nach verendet. Darum ist es besser, man versteckt sein wahres Ich und lebt verborgen hinter einer Maske." (S. 14)

Der Schreibstil von David Garnett ist angenehm zu lesen und unglaublich unterhaltsam. Der Autor hat einen amüsanten Humor, der mich mehrfach zum Lachen brachte. Die Leichtigkeit, mit der er die schnell aufbrausende und flatterhafte Josephine sowie den leidenden, verliebten John charakterisierte, gefiel mir unheimlich gut. Wie David Garnett die Gefühle eines Weggesperrten umriss, empfand ich als sehr gelungen. Oftmals in nur kurzen Sätzen erwähnt, regte mich dies zum Nachdenken an. John hält die ständigen Besucher an seinem Gehege im Verlauf der Geschichte immer schlechter aus. Wie es da den wilden Tieren, die deutlich weniger artgerecht gehalten werden gehen muss, lässt sich zwischen den Zeilen, aber auch in vielen Andeutungen lesen. Der Unterschied zwischen Mensch und Tier - Gibt es den überhaupt? So sind Johns Nachbarn eifersüchtig, dass erst mit seinem Einzug ins Affenhaus, die Besuchermassen nicht abreissen. Vor allem der traurige Karakal wurde meines Erachtens perfekt beschrieben. Insbesondere die Verbundenheit zu diesem kleinen Freund war schön zu lesen. Wie gerne hätte ich jetzt auch einen Karakal!

Mit Johns Einzug in den Zoo ist der Streit zu Josephine noch lange nicht abgehakt. Er will sie nicht mehr sehen, sie kommt trotzdem. Sie fühlt sich gedemütigt und sieht ihre Schuld im nächsten Moment ein. Sie entschuldigt sich um kurz darauf erneut los zu schimpfen.

"Du verbietest mir zu kommen! Hast du denn nicht begriffen, dass du hier ausgestellt bist? Jeder, der einen Schilling bezahlt, hat Zutritt zum Affenhaus und kann dich den ganzen Tag über anstarren. Deine Gefühle brauchen uns nicht zu kümmern; das hättest du früher bedenken sollen. (...)" (S. 95)

Die Streitereien der beiden las ich sehr gerne. Josephine weiß schlicht und ergreifend nicht was sie will und genau das machte sie und ihr Verhalten an manchen Stellen so komisch. Doch auch John mit seinem Dickkopf, brachte mich einige Male zum Lachen.

Fazit: Eine kurzweilige und unterhaltsame Geschichte, die ich auch aufgrund des tollen Schreibstils sehr gerne gelesen habe und wieder lesen werde.

Sonntag, 22. Januar 2017

Rezension: Donal Ryan - Die Sache mit dem Dezember

OT: The Thing about December
Übersetzung: Anna-Nina Kroll 
Preis Ebook: 9,99 €
Preis Taschenbuch: 12,00€
Seitenanzahl: 272 Seiten


Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3257243789
Erscheinungsdatum: 23. November 2016
Genre: Roman
Reihe: Einzelband 


Klappentext Der seltsame und stille Johnsey Cunliffe, der kaum je ein Wort sagt, erbt die Farm seiner kürzlich verstorbenen Eltern. Das Land soll das Kernstück eines millionen-schweren Bauprojektes sein. Gerade als sich Johnsey das Glück zuwendet, wird er von allen Seiten unter Druck gesetzt. Er soll verkaufen. Doch genau das will er nicht.

Die Geschichte ist in zwölf Kapitel unterteilt, welche nach den Monaten benannt sind. Jedes Kapitel befasst sich neben der Haupthandlung mit einer Erinnerung, die in dem jeweiligen Monat spielte. Das letzte Kapitel ist der Dezember.

In knappen Sätzen und eindringlicher Sprache erzählt Donal Ryan die Geschichte des stillen Johnsey. Dieser ist ein wenig sonderbar, ein junger Mann, der gerne für sich ist. Ein junger Mann, über den sich die Leute schon in der Schulzeit lustig machten, da er ein wenig langsamer, ein wenig eigen war. Mir als Leser wuchs dieser vom Schicksal gebeutelte Junge sofort ans Herz. Nach dem Tod seines Vaters, stirbt kurz darauf auch noch die geliebte Mutter. Eine befreundetes Ehepaar kocht für ihn und doch ist Johnsey die meiste Zeit allein. Als er im Krankenhaus landet, schließt er Freundschaft mit "der schönen Stimme" und Nuschel-Dave. Der Verkauf des Grundstücks spielt nicht die zentrale Rolle in diesem Buch. Zwar werden einige Geschehnisse von Johnseys Weigerung den Hof zu verkaufen hervorgerufen, doch viel mehr geht es um Johnsey Leben und darum wie es ist, anders zu sein. Es geht um Einsamkeit und Freundschaft.

Die Rückblenden in seine Kindheit, empfand ich als sehr berührend. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als mich in Johnsey oder seine Eltern hineinzuversetzen. Besonders schmerzhaft bleibt mir eine Stelle in Erinnerung. Die Eltern sind nicht reich und kratzen dennoch ihr Geld zusammen um Johnsey einen "coolen" Marken-Pulli für seinen ersten Disko-Besuch zu kaufen. Sie sind stolz auf ihren Sohn, ermuntern ihn und so langsam beginnt sich sogar Johnsey, der eigentlich gar nicht in die Jugenddisko wollte, sich auf den Besuch zu freuen. Schön sollte der Abend leider nicht werden... 

Bei den Charakteren hat Donal Ryan sich etwas besonderes ausgedacht. Denn hier geht es weniger um Stereotypen als um Originale. Insbesondere Nuschel-Dave und Siobhan sind sehr detailliert beschrieben und facettenreich in ihrem Charakter. Beide nicht perfekt, legt der Autor hier sein Augenmerk auf die Verletzlichkeit der Charaktere, mögen die beiden nach außen hin auch noch so stark wirken. Doch vor allem erhält der Leser tiefe Einblicke in Johnseys Denken und seine Gefühle. Besonders erschütterte mich seine geringe Meinung über sich selbst. 
 
"Einmal hatte Daddy, als er dachte, Johnsey könne ihn nicht hören, zu Mutter gesagt, er sei eben ein sehr stiller Junge. Mutter musste wieder darüber geschimpft haben, dass er so ein Hornochse war, und Daddy verteidigte ihn. Er hatte die Zärtlichkeit in Daddys Stimme gehört. Aber Zärtlichkeit konnte man auch für eine Missgeburt von Promenadenmischung empfinden, die man am besten direkt nach der Geburt ertränkt hätte. So einer konnte nur fressen und kacken und einen Haufen Arbeit machen, aber man streichelte ihn trotz allem hin und wieder und gab ihm ein Leckerchen, und man war fast immer nett zu ihm, weil er ja nichts dafür konnte, dass er ein sabbernder Trottel von einem Köter war. Aber man würde ganz sicher nicht vor anderen mit ihm prahlen, so viel stand fest." (S. 17) 
 
Der Schreibstil des Autors ist voll unterschiedlicher Gefühle. Manchmal werden Situationen unglaublich traurig, dann wieder sehr witzig beschrieben. Johnsey beschreibt Vergangenes mit Melancholie, dann wieder mit freudiger Leichtigkeit. Donal Ryan trifft immer genau den richtigen Ton. Die Grundstimmung ist dennoch schwer und bedrückend. Ich musste während des Lesens, so sehr mich die Geschichte auch packte, immer wieder Pausen einlegen um das Gelesene sacken zu lassen und darüber nachzudenken. 
 
Fazit: "Ein einfühlsames, berührendes Debüt, so lebensklug wie Forrest Gump und so irisch wie Frank McCourt" Ein Zitat, das ich so nur unterschreiben kann. 
 

Donnerstag, 19. Januar 2017

Rezension: Miklos Banffy - Die Schrift in Flammen

OT: Megszámláltattál
Übersetzung: Andreas Oplatka
Preis Ebook: 20,99 €
Preis Taschenbuch: 19,99€
Seitenanzahl: 800 Seiten

Verlag: dtv
ISBN: 978-3423143202
Erscheinungsdatum: 01. Juni 2014
Genre: Gesellschaftsroman
Reihe: Band 1/3

Klappentext Miklós Bánffy siedelt sein sehr authentisches Gesellschaftspanorama in seiner Heimat Siebenbürgen an. Es beginnt im Jahr 1904: Luxuriöse Bälle und große Jagden auf prachtvollen Landschlössern, leidenschaftliche Affären in Budapester Palais, Duelle im Morgengrauen und politische Intrigen im Parlament – das ist die Welt der beiden jungen Grafen Bálint Abády und László Gyeröffy. Bálint, ein Großgrundbesitzer mit liberalen Ansichten, ist ein Idealist. Als er sich für die ausgebeutete Landbevölkerung einsetzt, verspürt er rasch den Druck der politisch-konservativen Klasse. Sein Cousin László hingegen ist ein begnadeter Tänzer und Musiker, ein Charmeur und Entertainer. Bálint liebt die ernste Adrienne, die allerdings mit einem ziemlich teuflischen Gatten verheiratet ist. László wiederum liebt die schöne Klara, die sich für ihn entscheidet, wenn er seine Spielsucht überwinden kann. Das Schicksal hält keine einfachen Lösungen parat ...

Zusammenfassend geht es in dem ersten Band der Siebenbürger-Trilogie von Miklos Banffy vor allem um Ungarns Geschichte, die damalige Politik und Gesellschaft, Intrigen und natürlich die Liebe.

Besonders genossen habe ich den ausschweifenden, eindringlichen Schreibstil. „Die Schrift in Flammen“ ist kein einfaches Werk und lässt sich nicht mühelos lesen. Doch selten lohnt sich die Mühe so sehr wie bei diesem Buch. Banffys Schreibstil ist wunderschön. Wie er die Menschen, die Natur, die Bälle und die Liebe beschreibt ist teilweise urkomisch, teilweise melancholisch und immer voller Leben. Natürlich muss man Gefallen, an seitenlangen (Natur-)Beschreibungen finden. Leser, die einen eher knappen Schreibstil bevorzugen, dürften sich hier langweilen und wenig Freude an dem Buch finden. Banffy selbst gehörte zum ungarischen Adel, was sicherlich zu der Authentizität der Geschichte und der Melancholie, mit welcher der Untergangs der Aristokratie beschrieben wurde, beitrug. Mit Ungarns Geschichte und Politik befasst sich der Autor sehr genau. Interesse an ebendieser sollte der Leser auf jeden Fall mitbringen. Als Laie fiel es mir schwer, den politischen Geschehnissen zu folgen, sodass ich während dem Lesen, Nachhilfe im Bereich der ungarischen Geschichte nahm. Alles konnte ich dennoch nicht ganz nachvollziehen, weshalb ich vor Band 2 auf jeden Fall noch einiges nachlesen möchte.

Das Buch ist in sechs ungefähr gleichgroße Kapitel unterteilt. Die Leben der Protagonisten Balint und Laszlo sind sehr unterschiedlich. Während Balint ein sehr geordnetes und zielstrebiges Leben führt, ist Laszlo der Träumer, der etwas planlos durchs Leben schreitet und sich letzten Endes durch seine Spielsucht in den Ruin treibt.

Gleich zu Beginn des Buches, wurden die Personen auf einem Ball vorgestellt. Mein erster Gedanke war, dass ich mir die Namen und deren Gesichter und Geschichten bestimmt nicht merken kann, das sicherlich aber auch nicht muss. Weit gefehlt. Trotz der ungewohnten Namen, konnte ich mir diese sehr gut einprägen. Dies war auch notwendig, da die Personen vom Anfang alle wieder vorkommen. Es ist nun mal ein geschlossener Kreis, in welchem sich die großen Familien des Landes bewegen.

"Beim Anblick seiner Stupsnase, des runden Gesichts und des mächtigen Schnurrbarts hätte man meinen können, er sei ein alter Kater, der irgendwo eine Wurst gestohlen hat." 
(S. 338)

Die Charaktere zeichnete Banffy sehr detailreich und authentisch, sodass ich bei manchen Ekel empfand und mich auf andere freute. Manche verachtete ich zutiefst, anderen hätte ich gerne in ihrem Leid beigestanden. Besonders angetan war ich von dem groben und doch liebenswerten Nebencharakter Zakatas, dessen Bemerkungen ich immer mit einem Grinsen las.

"Ihr Rindviecher! Ein Gast kommt an, und mir sagt niemand etwas! Ich werde euch alle so durchprügeln, dass ihr bis zu eurem letzten Tag Krüppel bleibt! Wo bist du, mein Vögelein?" Breit fuchtelnd kam er zwischen den Fliederbüschen zum Vorschein, während er sich immer wieder brüllend zurückwandte: "Ihr Esel, ihr Schweine", um dann erneut lächelnd Balint zuzurufen: "Lieb, dass du gekommen bist, du machst mir wirklich große Freude!" 
(S. 558/559)

Auch das Leben der Charaktere empfand ich als sehr spannend und authentisch. Der glamouröse Lebensstil der sich in Bällen und Pferderennen widerspiegelt, aber auch unterschiedliche Besuche, der Druck der Gesellschaft, die Lästereien und Intrigen habe ich unglaublich gerne gelesen. Auch die Liebe kommt nicht zu kurz und in kaum einem Werk zuvor, habe ich so authentische und mitreißende Liebesgeschichten gelesen, wie in "Die Schrift in Flammen". Sowohl Balints Liebe zu Adrienne, als auch Laszlos Liebe zu Klara hat sich  mich zutiefst berührt und mitgerissen. Die Beschreibung, wie sich die Männer nach diesen Frauen sehnen ist unvergleichbar.
 
"So wortlos verblieben sie noch lange; der Mann starrte an die Decke, die Frau, das Kinn in die Hand gestützt, wandte den Blick nicht vom Gesicht des Freundes. Lage Zeit verharrten sie in der unendlichen Stille ihres nach Liebe riechenden Heims, wo doch jeder Winkel von ihren vielen wilden Umarmungen wusste." (S. 659)

Fazit: Die Mühe, die man beim Lesen aufbringen muss wird tausendfach belohnt. Dennoch sollte man Interesse an der ungarischen Geschichte sowie eine Vorliebe für den ausschweifenden Schreibstil mitbringen, um Banffys Meisterwerk wirklich genießen zu können.

Dienstag, 17. Januar 2017

Gemeinsam Lesen #45

Gemeinsam Lesen ist eine Aktion von Schlunzen-Bücher, die von Asaviel's Bücher-Allerlei ins Leben gerufen wurde. Die Aktion findet wöchentlich immer Dienstags bei Steffi und Nadja von Schlunzenbücher statt. Teilnehmen darf jeder wann und immer er Lust und Zeit dazu hat. Die Fragen auch nach Dienstag noch beantwortet werden. Bitte benutzt bei einer Teilnahme das Gemeinsam Lesen.



1. Welches Buch liest du gerade und auf welcher Seite bist du? Ich lese gerade Die Geschichte eines neuen Namens von Elena Ferrante und befinde mich aktuell auf S. 156/624.

2. Wie lautet der erste Satz auf deiner aktuellen Seite? 
"Ich muss noch ein bisschen Farbe rein bringen."
 
3. Was willst du aktuell unbedingt zu deinem Buch loswerden?
Mir hat Band 1 der Neapolitanischen Saga schon extrem gut gefallen (hier gehts zur Rezi)  und ich freue mich riesig, dass Band 2 ihm in nichts nachsteht. Ich kann das Buch kaum zur Seite legen.
 
4. Belastet dich ein hoher SuB oder freut er dich sogar?
Ich erfreue mich jeden Tag an meinem SuB und auf die Geschichten, die mich noch erwarten.
Und was lest ihr gerade?

Sonntag, 8. Januar 2017

Rezension: Elena Ferrante - Meine geniale Freundin

OT: L'amica geniale
Übersetzung: Karin Krieger
Preis Ebook: 18,99 €
Preis Hardcover: 22,00€
Seitenanzahl: 422 Seiten

Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3518425534
Erscheinungsdatum: 29. August 2016
Genre: Roman
Reihe: Band 1/4

Klappentext Sie könnten unterschiedlicher kaum sein und sind doch unzertrennlich, Lila und Elena, schon als junge Mädchen beste Freundinnen. Und sie werden es ihr ganzes Leben lang bleiben, über sechs Jahrzehnte hinweg, bis die eine spurlos verschwindet und die andere auf alles Gemeinsame zurückblickt, um hinter das Rätsel dieses Verschwindens zu kommen.

Im Neapel der fünfziger Jahre wachsen sie auf, in einem armen, überbordenden, volkstümlichen Viertel, derbes Fluchen auf den Straßen, Familien, die sich seit Generationen befehden, das Silvesterfeuerwerk artet in eine Schießerei aus. Hier gehen sie in die Schule, die unangepasste, draufgängerische Schustertochter Lila und die schüchterne, beflissene Elena, Tochter eines Pförtners, beide darum wetteifernd, besser zu sein als die andere. Bis Lilas Vater seine noch junge Tochter zwingt, dauerhaft in der Schusterei mitzuarbeiten, und Elena mit dem bohrenden Verdacht zurückbleibt, eine Gelegenheit zu nutzen, die eigentlich ihrer Freundin zugestanden hätte.

"Meine geniale Freundin" ist vermutlich der Roman, der 2016 am häufigsten in den Medien erwähnt wurde. Viel Lob, nur wenig Kritik und Spekulationen wer sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante verbirgt. Meine Erwartungen an dieses Buch waren enorm hoch und wurden in allen Bereichen erreicht oder übertroffen.

Die Geschichte beginnt damit, dass Lila mit schätzungsweise 70 Jahren verschwindet. Spurlos. Keins ihrer Kleidungsstücke ist noch in ihrer Wohnung, Fotos von ihr sind verschwunden oder sie hat sich raus geschnitten. Ihr Sohn wendet sich an Elena, doch auch die weiß nicht, wo ihre langjährige Freundin steckt. Elena blickt zurück und erzählt die Geschichte der beiden Mädchen. Die Handlung beginnt im Neapel der 50er Jahre, in welcher Zeit Bildung noch nicht jedem Mädchen zuteil wurde. Elena und Lila sind beide sehr klug, doch Lila scheint viel leichter zu lernen. Sie ist immer Klassenbeste, den anderen weit voraus. Elena hingegen leidet darunter immer nur die Zweite zu sein und versucht, den Abstand zu ihrer Freundin durch Lernen und Disziplin zu verringern. Die Mädchen könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Lila ein sehr freches Mundwerk hat und aufsässig und wild ist, ist Elena die ruhigere, die um das Ansehen der Lehrer bemüht ist. Sie hält sich an Regeln und überschreitet keine Grenzen. Doch dann kommt der Tag, an dem sich entscheidet, ob die beiden Mädchen weiter zur Schule gehen dürfen. Während Elena ihre Eltern gerade so dazu überredet bekommt, weigern sich Lilas Eltern sie weiter zur Schule gehen zu lassen. Die Klassenbeste, die Geniale wird von der Schule genommen und arbeitet fortan in dem Laden ihres Vaters.

Ich habe dieses Buch so unglaublich gerne gelesen. Der Schreibstil von Elena Ferrante ist wunderschön und beschreibend und dennoch flüssig zu lesen. Ich konnte das Buch kaum zur Seite legen. Besonders toll fand ich die atmosphärische Dichte und Authentizität des Buches. Als Leser, wandelt man selbst durch die Straßen des neapolitanischen Viertels. Man spürt die unglaubliche Hitze, hört die Streitereien der Einwohner und sieht all das "typisch neapolitanische" vor sich. Kurz: Man befindet sich mittendrin. Sehr authentisch empfand ich auch die Freundschaft der beiden Mädchen. Trotz der engen Verbundenheit und der Liebe zueinander, hören sie nie auf miteinander zu konkurrieren. Auch Neid ist für beide kein Fremdwort. Während Lila darunter leidet, dass Elena zur Schule gehen darf, leidet Elena darunter, dass sie nur die beste ist, weil ebendies Lila verwehrt bleibt. Unheimlich berührend empfand ich in diesem Roman die Sehnsucht nach Bildung. Lilas Leiden wird undramatisch und doch eindringlich zwischen den Zeilen geschildert. Nachdem sie von der Schule genommen wurde, lernt sie zunächst weiter, lernt im Alleingang sogar Fremdsprachen, doch irgendwann möchte sie davon, aus Selbstschutz, nichts mehr wissen. Auch die Rollen der beiden verändern sich. Lila war in ihrer Kindheit stets die mutige, die draufgängerische. Elena hingegen ruhig und bedacht. Während der ersten Jahre, die in diesem ersten Band beschrieben werden, werden die Rollen beinahe vertauscht. Elena erhält durch ihre Bildung mehr Selbstwertgefühl, während dies Lila genommen wird. Wir lernen Elena und Lila kennen, mit all ihren Macken. Wir begleiten sie während ihre Kindheit und der Pubertät. Erfahren ihre Selbstzweifel, ihre Veränderungen.

In einem Gespräch sagt Lila zu ihrer Freundin, dass diese immer weiter lernen müsse. Als diese entgegnete, dass sie in zwei Jahren ihr Abitur habe, erwidert Lila, dass sie auch danach noch weiter lernen müsse, immer. Und dass sie ihr, sollte es finanziell knapp werden, unter die Arme greift.

"(...) Du bist meine geniale Freundin, du musst die Beste von allen werden, von den Jungen und den Mädchen." (S. 398)

Während der Leser von Beginn an in Lila die "geniale Freundin" sieht, bezeichnet diese zum Ende des Buches Elena als ebendiese. Den Buchtitel empfinde ich daher als umso passender.

Fazit: Ein Roman, der den Leser verschiedenste Dinge fühlen lässt. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als mich in die Rollen der Mädchen zu versetzen, darüber nachzudenken was für ein Glück wir doch haben, dass uns alle Tore zu Bildung offen stehen. Ich versank in dem atmosphärischen Schreibstil und genoss das neapolitanische Flair. Ich freue mich schon darauf, erneut in die Welt von Lila und Elena einzutauchen.