Sonntag, 26. März 2017

Rezension: Mario Vargas Llosa - Die Enthüllung

OT: Cinco esquinas
Übersetzung: Thomas Brovot
Sprecher: Hanns Zischler  
Preis Hörbüch: 19,99 €
Preis Ebook: 20,99 €
Preis Hardcover: 24,00€
 

Seitenanzahl: 301 Seiten / 6h 34 Min (gekürzte Fassung)
Verlag: der Hörverlag
ISBN: 978-3844523553

Erscheinungsdatum: 11. Oktober 2016

Klappentext „Ich versichere Ihnen: wer auch immer Ihr Ansehen in den Schmutz ziehen will. Nicht mit uns. Nicht in unserer Zeitung. Bei solchen Spielchen würden wir nie mitmachen.“ Der peruanische Unternehmer Enrique Cárdenas wird vom Klatschreporter Rolando Garro mit kompromittierenden Fotos überrascht. Enrique ist schockiert: Der Inhalt kann ihn seine Ehe und seine Karriere kosten. Was zuerst wie ein Freundschaftsdienst eines Journalisten aussieht, entwickelt sich zur Erpressung. Was Enrique aber nicht erwartet hat: Hinter all dem stecken Präsident Fujimori und sein Geheimdienstchef Monsanto – und der scheut selbst vor Mord nicht zurück.


Hörbuchsprecher Hanns Zischler ist insbesondere als Schauspieler (Tatort und viele mehr), aber auch als Regisseur, Autor, Dramaturg, Fotograf und Übersetzer bekannt. Außerdem sprach er mehr als 15 Hörbücher, darunter von Gabriel Garcia Marquez, Heinrich Heine und Helmut Schmidt, ein.

Seine Stimme, seine Intonation, sein Stil, passten bestens zu der Geschichte. Insbesondere zu Beginn gelang es Hanns Zischler mich mit seiner Stimme in die Geschichte einzuführen und auch später noch, als ich von "Die Enthüllung" nicht mehr ganz überzeugt war, bei Laune zu halten.

Für mich war "Die Enthüllung" mein erstes Buch von Mario Vargas Llosa und ich bin überzeugt davon, dass ich auch weitere Bücher von ihm lesen werde. Der Schreibstil des Buches hat mir enorm gut gefallen. Wortgewaltig erzählt er seine Geschichte um Enrique Cardenas und konnte mich gleich zu Beginn bezüglich seiner Sprache und seines Stils begeistern.

Die Geschichte selbst begann mich leider ab der Mitte zu langweilen. Enrique Cardenas wird von dem Klatschreporter Rolando Garro mit pikanten Fotos, auf welchen er selbst bei einer Orgie zu sehen ist, erpresst. Die Veröffentlichung der Fotos bedeutet seinen Ruin. Sein Ruf, seine Karriere und seine Ehe scheinen zerstört. Doch als kurz darauf Rolando Garro brutal ermordet aufgefunden wird, sieht sich Enrique Cardenas noch ganz anderen Problemen gegenüber. Dass mich ebendiese Handlung nicht packen konnte, lag hauptsächlich an der Antipathie, die ich für die einzelnen Charaktere empfand. Abgesehen von dem ekelhaften Rolando Garro, der so perfekt schmierig war, dass er für die ein oder andere lustige Szene sorgte, interessierten mich Enrique sowie dessen Frau und Freunde einfach nicht. Die Charaktere sind (absichtlich?) sehr oberflächlich, was mich nur weiter abstieß. Sie denken niemals an etwas anderes als ihren Ruf, ihre Karriere und denken selten weiter, als bis zum nächsten Schritt. So ist das Hauptproblem von Enriques Frau nicht, dass ihr Mann sie betrogen hat, sondern die Demütigung vor ihren Freunden und Bekannten. Jeder betrügt und hintergeht jeden. Es scheint, als kritisiere Mario Vargas Llosa die peruanische Gesellschaft der 90er und deren Oberflächlichkeit durch die oberflächliche Zeichnung seiner Charaktere. Eine Verbundenheit zu den Charakteren kann der Leser deshalb nur schwer herstellen.

Umso mehr hingegen packten mich die gesellschaftlichen und politischen Beschreibungen des Autors. Der omnipräsente Terror und wie dieser die peruanische Gesellschaft prägte. Ausgangssperren, das Fehlen einer Mittelschicht, die Aufteilung in "arm" und "reich" sowie allgegenwärtige Gewalt bestimmten das Peru der 90er. Authentisch erzählt Llosa diesen Teil der Geschichte, über welchen ich bislang nur wenig wusste.
 
Sex gibt es reichlich und in verschiedensten Varianten. Leider weder besonders geschmackvoll noch in einer angenehmen Sprache. Diese drei Komponenten (Übermäßigkeit, Geschmacklosigkeit und Vulgarität) führten dazu, dass ich während verschiedenster Sexszenen lediglich genervt und/oder gelangweilt war.

Fazit: Schlechter Sex, unangenehme Charaktere, mittelmäßiges Crime, aber hochinteressante Schilderungen des Perus der 90er Jahre. Dabei hervorragend gelesen von Hanns Zischler.
 

Sonntag, 19. März 2017

Rezension: Jan Schomburg - Das Licht und die Geräusche

Preis Ebook: 15,99 €
Preis Hardcover: 20,00 €
Seitenanzahl: 256 Seiten


Verlag: dtv
ISBN: 978-3423281089
Erscheinungsdatum: 10. März 2017 

Klappentext Es ist Johanna schleierhaft, warum sie und Boris kein Paar sind. Klar, eigentlich ist Boris mit Ana-Clara zusammen, aber die ist weit weg in Portugal, während Johanna und Boris jede freie Minute miteinander verbringen und über alles reden, außer darüber, warum sie sich noch nicht geküsst haben. Johanna versteht das nicht, und das nervt sie. Und sie will auch verstehen, warum Marcel sich auf der Klassenfahrt nach Barcelona einen Mitschüler wie einen Knecht hält, warum Boris die ganze Zeit kichern muss, während ihn vier Typen auf der Tanzfläche eines Clubs zusammenschlagen wollen, und warum er nach dieser Nacht am See plötzlich verschwunden ist. Gemeinsam mit Ana-Clara und Boris’ Eltern sucht Johanna in Island nach Boris und findet heraus, dass viele Dinge ihr Wesen verändern, je länger man sie betrachtet. Und dass Ana-Claras Augen doch nicht so ausdruckslos sind, wie sie immer gedacht hat.

Man folgt Johanna und ihrer unverstellt ehrlichen Sicht auf sich und ihre Umwelt voller Empathie und Zuneigung. Pointiert, mit zartem Witz und dem sicheren Gespür für die Leichtigkeit in schweren Themen erzählt Jan Schomburg von drei jungen Menschen und ihren Versuchen zu erkennen, wie das eigentlich überhaupt gehen soll: leben.

Dieses Buch ist "anders". Das wird dem Leser schon nach wenigen Seiten klar. Anders in seinem Aufbau, seiner Erzählweise und dem Handlungsablauf. Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen, anders ist es auch kaum möglich.

Der Leser verfolgt einige wichtige Momente in Johannas jungem Leben. Dabei folgt Jan Schomburg keinem strikten roten Faden. Er erzählt einfach und dadurch wirkt die Handlung erfrischend unkonstruiert. Es geht darum an Johannas Problemen, Zweifeln und Erfahrungen teilzuhaben. Es geht um die Erinnerung daran, wie man selbst in diesem Alter war.

Der Schreibstil in "Das Licht und die Geräusche" kennzeichnet sich durch eine klare, direkte Sprache. Ein Stil, den eine junge Frau in Johannas Alter anwenden würde. Hierdurch wurde mir die Geschichte zugänglicher, auch wenn ich einige Seiten benötigte, um mich an den knappen Stil zu gewöhnen.

Die bereits erwähnten "wichtigen Momente" in Johannas Leben umfassen alles, was einen im Alter von 16/17 Jahren beschäftigt. Die Festigung des eigenen Charakters und der eigenen "Rolle", Liebe, Freundschaft, Sexualität. Aber auch die typischen Gefühlsschwankungen, der Hang zur Dramatik werden genauer thematisiert. Dies gelingt dem Autor so authentisch, dass ich mich selbst in dieses Alter zurückversetzt fühlte.

Als das Thema "Klassenfahrt" angeschnitten wurde, traute ich meinen Augen kaum. Der Lehrer will mit einer Horde Jugendlicher nach Hallig Hooge fahren. Ein Idee, die auch mein Lehrer vor etwa zwölf Jahren hatte. Johannas Klasse kam nochmal davon, meine Klasse nicht und es war unser absoluter Albtraum. Heute hinterlässt der Gedanke an eine ruhige Hallig ganz andere Gefühle bei mir. Ein weiteres Merkmal, wie viel sich in den paar Jahren verändert.

Keiner der Charaktere in diesem Buch ist perfekt. Alle haben ihre Fehler und keiner ist zu 100% sympathisch. Vor allem deshalb, weil Jan Schomburg besonders viel Wert auf Authentizität legte (und wer konnte sich selbst in diesem Alter besonders gut leiden?). Beim Lesen bekommt man den Spiegel vorgehalten, der zumindest in gewissen Punkten einen selbst in jüngerer Form zeigt, liest nochmal, was Schüler sich gegenseitig angetan haben oder wo man selbst überreagiert hat, wird aber auch an jede Menge Schönes erinnert.

Fazit: Ein Buch, das den Leser daran erinnert wie es war 16/17 zu sein und eine Geschichte, die ihre Wirkung auch nach der Beendigung des Buches noch weiter entfaltet.