Sonntag, 9. April 2017

Rezension: Chris Kraus - Das kalte Blut

Preis Ebook: 27,99 €
Preis Hardcover: 32,00 €
Seitenanzahl: 1.200 Seiten

Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3257069730

Erscheinungsdatum: 22. März 2017 

Klappentext Zwei Brüder aus Riga machen Karriere: erst in Nazideutschland, dann als Spione der jungen Bundesrepublik. Die Jüdin Ev ist mal des einen, mal des anderen Geliebte. In der leidenschaftlichen Ménage à trois tun sich moralische Abgründe auf, die zu abenteuerlichen politischen Ver­wicklungen führen. Die Geschichte der Solms ist auch die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert: des Untergangs einer alten Welt und die Erstehung eines unheimlichen Phönix aus der Asche.

"Das kalte Blut" ist ein Koloss, ein echter Wälzer mit seinen 1.200 Seiten. Doch selten habe ich ein Buch solch enormen Umfangs verschlungen, wie "Das kalte Blut". Oft gehen entweder dem Erzähler oder dem Leser (häufig auch beiden) während des Buches die Luft aus. So gut ein Buch dieses Umfangs auch ist, verspüre ich während des Lesens häufig das Bedürfnis nach etwas Anderem, nach Abwechslung, nach einer kleinen Pause. Bei diesem Buch war dies nicht der Fall. Ich hasste die erzwungenen Pausen die ich einlegen musste, denn Abwechslung bringt dieses Buch zu Genüge. Auf keiner Seite habe ich mich gelangweilt.

"Und mir wurde klar, warum der Mensch den Menschen liebt, da er ihn nämlich lieben muss, weil das für jeden Einzelnen die einzige Hoffnung ist, trotz allem ein Mensch zu bleiben." (S. 476)

In großartigem Stil erzählt Chris Kraus die Geschichte der beiden Deutschbalten Koja und Hub. Geschrieben ist dieses Werk aus Kojas Sicht, einem Mann Mitte 60 der aufgrund einer schweren Hirnverletzung, hervorgerufen durch einen Schuss, im Krankenhaus liegt und seine Geschichte seinem Zimmernachbarn, einem friedliebenden Hippie, erzählt. Dabei, so scheint es, geht es ihm vor allem um Eines: Um Vergebung. Darum, dass der Hippie ihm zusichert, dass er keine andere Wahl hatte, dass er kein schlechter Mensch ist, trotz allem, was er in seinem Leben getan hat. Obwohl der Hippie irgendwann nichts mehr von Kojas Vergangenheit hören möchte, erzählt dieser rücksichtslos weiter. Dabei geht Koja zunächst zurück in seine frühe Kindheit, welche er im Riga der 1910er Jahre erlebte. Er führt den Leser in das Leben seiner Familie, insbesondere das seines älteren Bruders Hub und seiner Adoptivschwester Ev. Die besondere Beziehung zu seiner Schwester, die zunächst Hubs Frau und später die seine wird, nimmt schon zu Beginn des Buches einen großen Platz ein. Während seine Schwester offensichtlich in Hub verliebt ist, leidet der noch sehr junge Koja still darunter. Die Brüder treten der SS bei. Hub aus Überzeugung, Koja, weil Hub es tut. Während Hub aus Überzeugung und Hass handelt, folgt Koja allem, was von ihm verlangt wird. Auch wenn er darunter leidet, bringt er nie den Mut, die Kraft auf, sich zu weigern. Immer wieder stellte ich mir die Frage, zu welcher Art von Mensch Koja das macht. Konnte der Holocaust vor allem wegen Menschen wie ihm geschehen? Besonders interessant empfand ich, wie die Brüder in der Mitte des Buches die Rollen tauschen. Nach der SS-Zeit ist Koja Geheimagent für den BND, aber auch für den KGB, sogar den Mossad. Er betrügt und verrät alles und jeden. Das spannende ist, dass all diese Verwicklungen, alle Gräueltaten die Koja während seines Lebens begeht aus Kojas heutiger Sicht geschildert werden.

"Die Wahrheit blieb mein oberstes Gebot, kollidierte aber mit meinem anderen obersten Gebot, dem Selbsterhaltungstrieb." (S. 550) 

Das Besondere an dieser Geschichte ist die unglaubliche Charakterentwicklung der Protagonisten und Nebencharaktere. Die Charaktere können nicht in Schubladen gesteckt werden und das, obwohl die Handlung von den Grausamkeiten des zweiten Weltkrieges erzählt. Es gibt viel Gutes und noch mehr Böses, jedoch findet man in den Charakteren immer von beidem etwas. Dies löste in mir aus, dass ich mit einem Verräter und Mörder Sympathie hegte, dessen Verhalten mich aber zugleich abstieß und anwiderte. Auch die Liebe nimmt einen großen Platz in "Das kalte Blut" ein. Authentisch beschrieben werden hier die Beziehungen innerhalb einer Familie, aber auch die Liebe zwischen Mann und Frau. Dabei entsteht die Frage, ob die Liebe wirklich alles entschuldigt. Entschuldigt die Liebe Mord, Verrat und Lügen?


"Für Ev war es die letzte gewaltige Lüge, nicht für mich. Und deshalb, glaube ich, konnte ich sie nicht verstehen. Denn die letzte gewaltige Lüge ist etwas, was jeden in den Wahnsinn treibt. Was man loswerden muss. Was einen verfolgt." (S.749)

Der Schreibstil des Autors ist große Kunst. Seine Charaktere haben Gesichter, die Atmosphäre geht unmittelbar auf den Leser über und die Sprache ist so bildgewaltig, dass ich oft mit den Tränen zu kämpfen hatte. Die Gefühle der einzelnen Charaktere überwältigten mich.
 
Der Autor schrieb einige Dialoge in jiddisch-daitschem, hessischen oder bayrischen Dialekt, was diese viel lebhafter und authentischer machte. Ich las das Buch, als wäre ich davon besessen, in dem Wissen, dass mir die nächste Seite, der nächste Satz erneut den Boden unter den Füßen wegziehen konnte.

Es gibt eine Szene, in welchem ein Erschießungskommando beschrieben wurde. Einer der jüdischen Männer erkennt Koja, bettelt und fleht um Gnade und wird dennoch von dessen Bruder Hub erschossen. Koja steht daneben und tut nichts. Eine Frau und ihr Baby überleben. Koja erhält den Befehl beide zu erschießen und feuert ein ganzes Magazin auf ihre Mutter und ihr Neugeborenes ab. Eine weitere Szene beschreibt, wie Koja einen Freund findet, der sich das Leben genommen hat. Diese Szenen und viele weitere, erdrückten mich in ihrer Eindringlichkeit.

"Der nächtliche Regen hatte seinen abstehenden Haarkranz flach auf die Kopfhaut geklatscht, als wäre er nie eine Pusteblume gewesen." (S.821)


Fazit: Ein atmosphärisch dichter, mitreißender Roman, der den Leser durch unterschiedlichste Gefühle jagt und in seiner Sprache, der Charakterentwicklung, der Handlung und den Fragen, die aufgeworfen werden, auf ganzer Linie überzeugt.

"Angst ist selten logisch, sonst wäre es keine. Warum sollte man Angst vor Spinnen haben oder vor seinem Chef? Nichts ist jemals logisch, was einem den Schlaf raubt." (S. 1077)
 

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