Montag, 29. Mai 2017

Rezension: Graham Swift - Ein Festtag

OT: Mothering Sunday
Preis Ebook: 14,99 €
Preis Hardcover: 18,00 €
Übersetzung:  Susanne Höbel

Seitenanzahl: 144 Seiten
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423281102
Erscheinungsdatum: 15. Mai 2017

Klappentext Jane, das junge Dienstmädchen von Beechwood, und Paul, der Spross aus begütertem Haus, haben ein Verhältnis. Heimliche Botschaften, verschwiegene Treffen, doch heute, an diesem sonnigen Märzsonntag 1924, darf Jane – Familie und Dienerschaft sind ausgeflogen – ihr Fahrrad einfach an die Hausmauer des Anwesens lehnen, durchs Hauptportal herein und ins Bett ihres Geliebten kommen. Ein erstes und ein letztes Mal, denn Paul wird bald – standesgemäß – heiraten. Später, gegen Mittag, wird sie leichtfüßig und nackt durch das weitläufige Haus streifen, beseelt von der rauschhaften Innigkeit dieses herausgehobenen Morgens und nicht ahnend, dass ihr Leben am Ende dieses Tages zu zerbrechen droht. Viele Jahrzehnte später blickt sie zurück und erzählt: von einer Tragödie und zugleich einer wundersamen Entfaltung. Schwebend verschränkt Swift Gegenwart und Vergangenheit, erzählt fein und makellos von einem Leben, in dem alle Grenzen bedeutungslos wurden. Schillernd, unerhört und sinnlich.

Die Geschichte beginnt mit dem Dienstmädchen Jane, dass in dem Bett ihres Liebhabers Paul liegt. Paul ist der Sohn einer angesehenen Familie und wird in Kürze heiraten. Die beiden verbinden einige Momente der geheimen Zweisamkeit, doch in den 20ern des 19. Jahrhunderts, darf solch eine Liebe nicht sein. Als Paul sich auf den Weg zu seiner Verlobten macht, bleibt Jane allein im Haus zurück. Nackt bleibt sie zunächst in seinem Bett, streift dann jedoch durchs Haus und hängt ihren Gedanken nach. Sie spinnt Szenen. Szenen, wie Paul sein Zuspätkommen erklärt. Szenen, wie seine Verlobte darauf reagiert.

"Ich kenne weder meinen Vater noch meine Mutter. Auch meinen wirklichen Namen nicht. Falls ich je einen hatte. Und das schien mir die beste Voraussetzung für den Beruf des Schriftstellers - besonders für einen Geschichtenerzähler. Ohne Empfehlung zu kommen. Ein leeres Blatt zu sein. Ein Niemand. Wie soll man ein Jemand werden, wenn man nicht erst ein niemand war?" (S. 95)

Im groben ist dies bereits die Handlung von "Ein Festtag". Doch die Geschichte geht viel tiefer. Der Leser erhält Einblicke in Janes früheres sowie in Janes späteres Leben. Als Waisenkind aufgewachsen, später als Schriftstellerin gefeiert. Wir erfahren, wie der Schicksalsschlag, der in dem Klappentext angekündigt wird Jane und deren Leben nachhaltig verändert. Wir verfolgen ihre Gedanken zu der Sprache, ihre Gedanken zu ihrer Herkunft und zugleich entwirft Graham Swift ein treffendes und genaues Bild der damaligen Gesellschaft. 

"Die Dienenden dienten und die Bedienten lebten. Aber manchmal schien es ehrlich gesagt genau andersherum zu sein. Das Dienstpersonal hatte ein Leben, und das war hart, während die Bedienten oft nicht zu wissen schienen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollten." (S. 98)

Insbesondere die Gedanken der Protagonistin Jane und deren Entwürfe von Szenen konnten mich begeistern. Ebenso der Schreibstil des Autors Graham Swift, der so leicht und direkt und dennoch voller Intensität ist. Die Poesie seiner Sprache, steigert Graham Swift im Laufe des Buches und so intensivieren wundervolle Gedankenkonstrukte und atmosphärische Beschreibungen die vorliegende Geschichte.

"Und wenn Waisenkinder jetzt tatsächlich Weißenkinder genannt wurden? Und der Himmel Erde hieß. Und wenn Bäume Osterglocken hießen. Würde das an der Natur der Dinge etwas ändern? Oder an ihrem Geheimnis?" (S. 105)

"Wir sind alle Brennstoff. Wir werden geboren, und wir brennen, manche schneller als andere. nd es gibt unterschiedliche Zündstoffe. Aber nicht zu brennen, nie zu entflammen, das wäre wahrhaftig ein trauriges Leben." (S. 112)

Fazit: "Ein Festtag" hat mir in vielerlei Hinsicht gefallen. Die anderen Werke von Graham Swift werden von mir nicht unbeachtet bleiben!

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